Somatisches Kundalini-Yoga – Yoga von innen – verbindet Bewegung und Atem mit der bewussten Wahrnehmung dessen, was im Körper geschieht. Somatisches Yoga ist in den letzten Jahren immer bekannter geworden. Die Idee dahinter ist jedoch nicht neu: Der Körper wird nicht nur bewegt, sondern er wird während der Bewegung bewusst von innen wahrgenommen. Das Wort „somatisch” stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Körper” oder „Leib”.
Während des Übens erlebst du bewusst, wie sich eine Bewegung anfühlt. Dazu gehört auch, dass du beobachtest, wo du festhältst und wo Weite entsteht. Du spürst, wie sich dein Atem verändert und wie du deine linke und deine rechte Seite wahrnimmst. Und wie sich dein Körper anfühlt, nachdem du eine Bewegung für einige Zeit praktiziert hast. Wer profitiert von dieser Yogapraxis? Somatisches Yoga unterstützt Menschen, die sich in Rekonvalenz befinden, ältere Menschen, Personen, die herausfordernde Lebenssituationen erleben, Trauernde und alle, denen es wichtig ist, den Kontakt zum eigenen Körper herzustellen und zu pflegen.
Langsame, sich wiederholende Bewegungen

Im Gegensatz zu einer Yogastunde, bei der verschiedene Yogaübungen schnell nacheinander praktiziert werden, arbeitet somatisches Yoga mit einfachen Bewegungen, die über mehrere Minuten hinweg langsam und aufmerksam wiederholt werden. Es geht nicht darum, eine bestimmte Form zu erreichen oder möglichst weit in eine Haltung hineinzukommen. Die Bewegung darf klein sein. Entscheidend ist die Wahrnehmung.
Durch die Wiederholung hat das Nervensystem Zeit, eine Bewegung genauer zu registrieren. Muskeln, Gelenke, Atmung und Körperhaltung werden bewusster wahrgenommen. Oft verändert sich die Bewegung während dieser Minuten ganz von selbst. Sie wird weicher, leichter oder kleiner. Man beginnt, der Stimme des eigenen Körpers zu lauschen – und kann sie hören.
Das Nervensystem spielt eine wichtige Rolle
Unser Nervensystem verarbeitet ständig Informationen aus dem Körper. Die Propriozeption beispielsweise vermittelt uns, wo sich unsere Arme und Beine im Raum befinden und wie sich unsere Gelenke bewegen. Die Interozeption beschreibt die Wahrnehmung von Vorgängen im Inneren des Körpers, wie etwa Hunger, Durst, Herzschlag, Atem oder innere Anspannung. Diese Wahrnehmungsfähigkeit kann geschult werden.
Gerade Menschen, die viel Stress erleben, bemerken häufig erst spät, dass sie den Kiefer zusammenbeißen, die Schultern hochziehen, flacher atmen oder bestimmte Muskelgruppen ständig angespannt halten. Wenn wir uns langsam bewegen und gleichzeitig aufmerksam wahrnehmen, können wir solche Gewohnheiten überhaupt erst ins Bewusstsein rufen. Und was wir wahrnehmen, können wir genießen, wenn oder verändern.
Eine Verbindung zwischen Körper und Psyche

Körper und Psyche lassen sich nicht voneinander trennen. Stress macht sich im Körper bemerkbar. So verändert Angst beispielsweise unsere Atmung und Trauer kann sich in unserer Haltung zeigen. Dauernde Anspannung kann dazu führen, dass wir bestimmte Muskeln kaum noch entspannen können. Umgekehrt kann sich auch unsere psychische Verfassung verändern, wenn der Körper zur Ruhe kommt, der Atem tiefer wird und wir uns wieder sicherer und wohler in unserem Körper fühlen. Somatisches Yoga versucht deshalb nicht, den Körper zu „korrigieren“. Es lädt vielmehr dazu ein, wieder eine Beziehung zu ihm aufzunehmen.
Und was hat das mit Kundalini Yoga zu tun?
Interessanterweise kommt uns Kundalini-Yogis vieles davon bekannt vor. Wir wiederholen Bewegungen häufig über mehrere Minuten. Wir bewegen die Wirbelsäule im Kamelritt, praktizieren Sufi-Kreise, bewegen das Becken, drehen den Oberkörper oder verbinden rhythmische Bewegungen mit der Atmung. Im Kundalini-Yoga werden die Bewegungen länger als nur fünf- oder zehnmal ausgeführt. Wir bleiben eine Zeit lang in der Position und genau dadurch geschieht etwas Interessantes.
Am Anfang führen wir die Bewegung bewusst aus. Nach einiger Zeit entsteht ein Rhythmus. Der Körper findet seinen eigenen Bewegungsraum. Der Atem verändert sich. Manchmal werden Stellen spürbar, die wir vorher gar nicht wahrgenommen haben. Die Aufmerksamkeit wandert von außen nach innen. Hier berühren sich somatisches Yoga und Kundalini-Yoga deutlich. Der Unterschied liegt weniger in der Übung selbst als in der Art, wie wir sie erleben.
Während der Spinal-Flex-Übung im Fersensitz können wir beispielsweise immer wieder wahrnehmen: Wie bewegt sich mein Becken? Wo genau beginnt die Bewegung der Wirbelsäule? Wie reagiert mein Brustkorb? Was geschieht mit meinem Atem? Wo halte ich unnötig fest? Und wie fühlt sich mein Körper nach drei Minuten im Vergleich zum Übungsbeginn an? Plötzlich wird aus einer einfachen, wiederholten Bewegung eine kleine Forschungsreise durch den eigenen Körper.
Nicht höher, schneller, weiter
Vielleicht ist genau das der interessante Gegenpol zu unserem Alltag: Wir müssen nicht leistungsfähiger werden. Wir müssen keine perfekte Yogahaltung erreichen oder ständig etwas verbessern, sondern dürfen einfach nur wahrnehmen. Unser Körper besitzt eine erstaunliche Fähigkeit zur Anpassung und Veränderung. Bewegung, Atem, Aufmerksamkeit und Entspannung können dabei helfen, eingefahrene Spannungsmuster zu erkennen und neue Bewegungsmöglichkeiten zu entdecken.
Somatisches Yoga erinnert uns deshalb an etwas sehr Einfaches: Unser Körper ist nicht nur etwas, das wir benutzen. Er ist ein Ort, den wir bewohnen. Und manchmal müssen wir wieder lernen, ihm zuzuhören.

Yogaset inspriert durch die Library of Teachings, Kriya ‚Optimum Health‘
