Warum Licht ohne Schatten nicht existiert

Warum Licht ohne Schatten nicht existiert, diese Frage haben sich viele Philosophen gestellt. Der Begriff „Schatten” wurde von Carl Gustav Jung geprägt. Der Schatten steht für all das in uns, was wir nicht sein wollen und was wir früh gelernt haben, zu unterdrücken: Wut, Neid, Gier, Angst, Schwäche und Scham zum Beispiel. Aber auch – und das wird oft übersehen – verdrängte Stärke, unterdrückte Freude und abgeschnittene Lebendigkeit. Der Schatten ist nicht automatisch das „Schlechte“. Er ist das Abgespaltene.

Warum Licht ohne Schatten nicht existiert

Der Schatten entsteht durch Konditionierung. Als Kind lernt man schnell, welche Anteile von einem erwünscht sind und welche nicht. Wer als Kind für seine Wut bestraft wurde, lernt: Wut ist gefährlich. Wer für Schwäche beschämt wurde, lernt: Schwäche darf nicht sein. Diese Anteile verschwinden jedoch nicht, sondern wandern ins Unbewusste. Oft erkennt man den eigenen Schatten leichter im Gegenüber als in sich selbst: Was einen an anderen Menschen besonders stark aufregt oder abstößt, ist häufig ein Spiegel des eigenen Schattens.

Warum führt der Weg mitten durch den Schatten?

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Verdrängtes bindet Energie. Alles, was wir nicht fühlen wollen, kostet uns Kraft. Diese Kraft wird für das Nichtfühlen, das Halten und Kontrollieren aufgewendet. Ein Mensch, der seine Wut tief vergraben hat, verbraucht jeden Tag einen Teil seiner Lebensenergie damit, sie unten zu halten. Das führt zu Erschöpfung ohne sichtbaren Grund und zu Schwere ohne klare Ursache.

Und: Was wir nicht kennen, steuert uns. Das ist der entscheidende Punkt. Solange ein Muster unbewusst ist, haben wir keine Wahl. Wir reagieren automatisch. Wir werden aus uns herausgeworfen, ohne zu verstehen, warum. Erst wenn etwas ins Bewusstsein kommt, wenn wir es sehen, benennen und fühlen, haben wir einen Spielraum.

Der Weg am Schatten vorbei funktioniert nicht, weil der Schatten nicht verschwindet, nur weil man ihn ignoriert. Man kann Jahrzehnte meditieren, täglich Kundalini-Yoga praktizieren, sich spirituell entwickeln und trotzdem in denselben Beziehungsmustern feststecken, an denselben Stellen explodieren und immer wieder die gleiche unangenehme Leere wahrnehmen.

Wie kann man mehr Kraft und Tiefe wahrnehmen?

Der Weg durch den Schatten bedeutet nicht, dass man in Dunkelheit waten muss. Es bedeutet, hinzuschauen. Dass man dem, was auftaucht, begegnet, ohne es sofort wegzudenken oder wegzudenken. Es bedeutet Kontakt, nicht Auflösung. Der Schatten will nicht besiegt werden. Er will wahrgenommen werden.

Wenn man einem abgespaltenen Anteil wirklich begegnet, ihn anerkennt und vielleicht sogar versteht, woher er kommt, dann geschieht etwas Merkwürdiges: Die im Schatten gebundene Energie wird frei. Man fühlt mehr Lebendigkeit, mehr Kraft und mehr Tiefe.

Das ist der Grund, warum die Praxis des Kundalini-Yoga manchmal unbequem ist. Nicht, weil sie Schmerz produziert, sondern weil sie den Schatten sichtbar macht, der uns schon lange begleitet. Und das ist, bei Licht betrachtet, ein Geschenk.

Das Bild der Erleuchtung

Surya und die Sonnenkraft der Sommersonnenwende
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Das Bild der Erleuchtung, das viele von uns im Kopf haben, ist fast schon naiv schön: Licht, das von oben in den Menschen hineinfällt, sanft und klar, eine Wahrheit, die man spürt, riecht und schmeckt, die jede Zelle erfüllt. Ja, solche Momente gibt es. Es gibt Momente der absoluten Klarheit während der Yogapraxis, in der Meditation oder mitten im Alltag, manchmal sogar im größten Chaos. Es sind Momente, in denen alles stimmt, in denen man sich verbunden fühlt, mit sich selbst, mit dem Leben und mit etwas Größerem. Und gleichzeitig: Wer hat diese Momente nicht auch schon wieder verloren? Wer ist nicht auch schon wieder in alte Reaktionsmuster zurückgefallen, kurz nachdem er dachte, er habe sie endlich durchschaut? Das ist menschlich, und es hat einen Grund.

Was im Dunkeln bleibt, wächst in die Tiefe

Der Grund liegt nicht in mangelnder Disziplin. Er liegt darin, dass das Licht allein nicht reicht, wenn man den Schatten nicht kennt. Carl Gustav Jung hat gesagt: „Leider kann kein Zweifel bestehen, dass der Mensch im Großen und Ganzen weniger gut ist, als er sich vorstellt oder sein möchte.“ Jeder Mensch trägt einen Schatten – und was im Dunkeln bleibt, wächst in die Tiefe. Es verdichtet sich, wird schwer. Und es taucht wieder auf, immer wieder, in den Momenten, in denen wir am wenigsten damit rechnen, wenn wir müde sind, wenn wir geliebt werden wollen, wenn wir Angst haben.

Im Yoga nennt man diese Muster Samskaras: eingravierte Eindrücke, die unser Erleben färben, lange bevor der bewusste Verstand überhaupt eingeschaltet hat. Wir reagieren, bevor wir denken. Manchmal ziehen wir uns zurück, bevor wir fühlen. Und wir urteilen, bevor wir sehen. Keine Atemübung der Welt kann das allein auflösen. Aber das Bewusstsein, das im Yoga entsteht, kann beginnen, das Muster sichtbar zu machen. Und was sichtbar ist, ist veränderbar. Nicht von heute auf morgen, nicht ohne Rückfall, nicht ohne Schmerz, aber es kann sich transformieren.

Das Bild der Pflanze

Warum Licht ohne Schatten nicht existiert
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Das Bild, das mich dabei begleitet, ist das einer Pflanze. Eine Pflanze streckt sich dem Licht entgegen – das ist ihr Wesen, ihr Impuls und ihre Natur. Aber sie wächst aus der Erde. Aus dem Dunklen, Feuchten, Unübersichtlichen. Ihre Wurzeln brauchen den Schatten. Ohne diese kann die Pflanze nicht standhalten. Menschen, die nur nach oben streben, ohne je in die Tiefe gegangen zu sein, wirken seltsam substanzlos: spirituell geschmückt, aber innerlich leer. Eine Pflanze, die nur Licht kennt und keine Wurzeln hat, bricht beim ersten Wind. Jung hat es selbst so ausgedrückt: „Es gibt viele Menschen, die des Schattens bedürfen und nicht des Lichts.“

Das gilt auch für die Praxis des Kundalini-Yoga. Wer nur die schönen Erfahrungen kultiviert – die Stille, die Wärme und das Wohlgefühl –, der betreibt Spiritualität als Flucht. Wir alle tun das zeitweise. Wirkliche Transformation beginnt jedoch dort, wo es unangenehm wird: an den Körperstellen, die man lieber nicht berührt, bei den Gefühlen, die man lieber wegschickt, in der Stille, die man lieber mit Worten füllt, und in dem Moment, in dem man während einer Übung wahrnimmt, dass man wütend ist, ohne zu wissen, worauf. Genau da beginnt die Arbeit.

Der Schatten ist Unsinn

Jung hat auch Folgendes gesagt: „Der Schatten ist Unsinn. Er entbehrt der Kraft und hat kein beständiges Dasein durch sich selbst. Aber der Unsinn ist der untrennbare und unsterbliche Bruder des höchsten Sinns.“ Der Schatten existiert also nicht als eigenständige Kraft. Er entsteht, wenn eine Lichtquelle auf ein undurchdringliches Objekt trifft. Dieses Objekt ist das Ich, das Bewusstsein, die Persönlichkeit, die sich im Laufe des Lebens formt.

Es blockiert die Lichtstrahlen und hinter ihm bleibt ein Bereich, den das Licht nicht erreicht. Dieser Bereich ist der Schatten. Je entwickelter die Persönlichkeit ist, desto klarer zeichnet sich der Schatten ab. Das erklärt, warum spirituelle Entwicklung manchmal das Gefühl erzeugt, man werde schlechter statt besser: Plötzlich sieht man mehr von sich, mehr Ungeduld, mehr Ego oder mehr Angst. Der Schatten muss ins Licht geholt werden, um integriert zu werden.

Kontakt als eigentlicher Kern der Praxis

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Eine Meditationspraxis, die das ermöglicht, ist nicht bequem. Aber sie ist ehrlich. Manchmal sitzt man auf seinem Meditationskissen und merkt, wie viel Wut, Traurigkeit und Einsamkeit sich angestaut haben. Das Erste, was dann passiert, ist der Kontakt mit sich selbst, so wie man wirklich ist, nicht so, wie man gern wäre. Dieser Kontakt ist der eigentliche Kern der Praxis. Alles andere – die Asanas, die Pranayamas, die Meditation – bereitet den Boden dafür vor.

Aus diesem Kontakt entsteht Mitgefühl. Zunächst für sich selbst und dann, fast wie von selbst, für andere. Denn wer seinen eigenen Schatten kennt, wer ihn gesehen hat, wer mit ihm gesessen hat, ohne wegzulaufen, der kann dem Schatten anderer mit weniger Angst begegnen. Er urteilt weniger schnell. Er hat mehr Raum.

Erleuchtung – wenn wir dieses große Wort schon benutzen wollen – ist weder ein Zustand dauerhafter Helligkeit noch ein Zustand jenseits des Menschseins. Erleuchtung ist die Fähigkeit, sowohl das Licht als auch den Schatten zu tragen, ohne in dem einen zu versinken oder vor dem anderen zu fliehen. Es ist Ganzheit und nicht Perfektion. Jung hat es so formuliert: „Das Leben ruft nicht nach Vollkommenheit, sondern nach Vollständigkeit.“

Zur Autorin

Bettina Sat Hari Kaur Stülpnagel praktiziert Kundalini Yoga seit 198, ursprünglich mit dem festen Plan, umgehend erleuchtet zu werden. Der Plan war gut. Die Umsetzung gestaltete sich komplexer als erwartet, denn niemand hatte sie vorgewarnt, dass im Gepäck der Erleuchtung auch eine beträchtliche Menge Schatten mitreist. Mit 67 Jahren hat sie beschlossen, die ungebetenen Mitreisenden nicht länger zu ignorieren, sondern sich mit ihnen an einen Tisch zu setzen, was gelegentlich länger dauert als eine Kundalini-Session und ähnlich schweißtreibend ist. Auf die Erleuchtung wartet sie nach wie vor, aber inzwischen ohne Zeitdruck.

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