Die Illusion der Trennung

Die Illusion der Trennung beginnt genau in dem Moment, in dem wir sagen: „Ich möchte eins mit Gott werden.“ Denn in diesem Satz steckt bereits die Dualität: das Ich und Gott, der Suchende und das Gesuchte. Damit haben wir die Grundlage unserer spirituellen Sehnsucht auf einem Missverständnis aufgebaut, ohne es zu merken.

Genau hier setzt das Mul-Mantra an, das Wurzelmantra am Beginn des Jap Ji. Es beginnt nicht mit einer Beschreibung Gottes, sondern mit einer einzigen Silbe: Ik (eins). Es beginnt nicht mit „ein Gott”, sondern mit der Zahl Eins und dieser Eins findet sich eine ganze Lehre.

Das Mul-Mantra– „Wurzel-“ oder „Grund-Mantra“ – fasst in wenigen Worten die wesentlichen Eigenschaften dieser einen Wirklichkeit zusammen. Das Japji Sahib von Guru Nanak steht am Beginn des Guru Granth Sahib; es umfasst nach der Eröffnung 38 Pauris und einen abschließenden Salok und wird traditionell als morgendliche Bani rezitiert.

Die Zahl, die keine Lücke lässt

Die Eins ist die ursprünglichste aller Zahlen: ungeteilt, ganz und vollkommen eigenständig. Wo die Eins ist, kann die Zwei nicht sein. Diese Einheit gehört niemandem. Sie ist weder männlich noch weiblich und in jedem Menschen, jedem Stein, jedem Baum und jedem Tier gleichermaßen vertreten. Die Eins in allem, was existiert.

Ein einfaches Bild macht das greifbar: Dein Leben ist wie eine Welle, die kurz aus dem Ozean auftaucht, sich zeigt und wieder zurücksinkt. Niemand würde behaupten, diese Welle sei etwas anderes als der Ozean selbst. Sie IST der Ozean in Bewegung – und für einen Augenblick sichtbar. Genauso bist du nicht eine Welle und neben dir existiert die Einheit. Du bist eine Welle der Einheit.

Oder denke an die Finger deiner Hand. Man könnte endlos darüber streiten, welcher Finger nun „zur Hand gehört“ – dieser Streit ergäbe jedoch keinen Sinn, da alle Finger zur Hand gehören. Getrennt betrachtet verlieren sie den Zusammenhalt, denn erst als Teil der Hand ergeben sie ein sinnvolles Ganzes.

Die Krankheit, die „Ich bin“ heißt

Wenn es aber nur dieses Eine gibt, warum fühlt sich das Leben dann so getrennt an? Warum dieses ständige Gefühl von „hier bin ich, dort bist du“?

Die Antwort liegt in der Individualisierung, die im yogischen Verständnis fast wie eine Krankheit wirkt: die Krankheit der Abtrennung. Selbst der Satz „Ich bin ein Sünder” rettet im Kern das Ego, denn er beginnt mit „Ich bin”. Zwar gesteht man sich eine Schwäche ein, sichert sich damit aber gleichzeitig die eigene, getrennte Existenz zu. Man bleibt jemand.

Diese Konditionierung beginnt früh: Besser sein als die anderen, mehr erreichen, sich abheben. An sich ist nichts davon falsch – ein schönes Auto, gute Kleidung und Erfolg im Beruf sind keine Fehler. Problematisch wird es erst, wenn daraus eine Haltung entsteht, die besagt: „Ich bin etwas Eigenes, Getrenntes, das sich behaupten muss.” Selbst wer sich bewusst zurückzieht und ein einfaches, „spirituelles” Leben wählt, kann in dieselbe Falle tappen – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Aus „Schau, wie erfolgreich ich bin” wird „Schau, wie bescheiden ich bin”. Das Ich bleibt bestehen, es hat nur die „Kleidung” gewechselt.

Warum Meditationen manchmal ins Leere laufen

Surya und die Sonnenkraft der Sommersonnenwende
Bild: © Shutterstock

Diese unerkannte Trennung erklärt eine sehr menschliche Erfahrung: das Gefühl, dass Meditation „nicht funktioniert”. Man sitzt, wiederholt ein Mantra und wartet. Irgendwann drängt sich die Frage auf: Warum kommt nichts?

Doch genau in diesem Warten liegt das Problem. Wer in der Erwartung meditiert, dass etwas oder jemand von außen kommt, ruft eigentlich unaufhörlich: „Komm bitte! Komm bitte!“ Und wartet auf eine Antwort, die niemals als „Ich komme” erlebt werden kann, weil das, was gesucht wird, nie weg war.

Ein Bild macht das deutlich: Die Sonne scheint immer. Wenn der Vorhang im Zimmer geschlossen bleibt, kann man tausendmal fragen, warum kein Licht hereinfällt – die Sonne kann nichts weiter tun, als zu scheinen. Der Vorhang muss geöffnet werden. Und dieser Vorhang ist die eigene Identität, das feste Bild von „Ich bin so und so“, das zwischen uns und dem, was ohnehin schon da ist, hängt.

Gott ist keine Person – das Göttliche ist überall

Ein Teil der Verwirrung entsteht schlicht durch die Sprache. Sobald das Wort „Gott” fällt, entsteht im Kopf fast automatisch ein Bild: eine Person, irgendwo weit weg, vielleicht im Himmel sitzend. Diese Vorstellung schafft von selbst eine Distanz – ein Gegenüber, das man erst noch erreichen muss.

Ein einfacher Trick hilft, diese Distanz aufzulösen: Ersetze das Wort „Gott” versuchsweise durch „Leben” oder „Universum”. Ist Leben in diesem Raum, in diesem Moment? Ja, ganz offensichtlich. Ist das Universum hier? Auch ja. Genau das ist gemeint, wenn von Einheit die Rede ist: nicht eine ferne Instanz, sondern das, was ohnehin überall gegenwärtig ist – in jedem Atemzug, in jeder Zelle, in jedem Wesen um uns herum.

Es gibt eine kleine Geschichte, die das sehr gut veranschaulicht: Ein hungriger Sadhu bekommt von einem reichen Mann ein Stück Brot geschenkt und gibt es sofort einem Hund. Der reiche Mann lacht ihn aus: „Du hast tagelang nichts gegessen und verschenkst das Brot?“ Der Sadhu antwortet: „Gott füttert Gott.” Ob gegessen, gelacht oder gespottet wird – alles, was geschieht, geschieht innerhalb derselben Einheit.

Das Mul-Mantra

EK ONG KAR, SAT NAM,
KARTA PURKH, NIRBHO, NIRVÄR,
AKAAL MURAT, AJUNI,
SAIBHANG, GUR PRASAD, JAP,
AAD SUCH, JUGAAD SUCH, HÄBHI SUCH,
NANAK HOSI BHI SACH

Eins sind Schöpfer und Schöpfung.
Wahrheit ist der Name.
Das Handelnde in allem.
Ohne Furcht, ohne Rache, unvergänglich, ungeboren.
Aus sich selbst heraus leuchtend. Durch das Geschenk des Gurus – meditiere!
Wahr am Anfang.
Wahr durch alle Zeitalter.
Wahrheit auch jetzt.
Oh Nanak, für immer wahr.

Quelle:

Bhai Satpal Singh erklärt in einem Youtube-Video (englisch) Guru Nanak Dev Jis Mul Mantra ausführlich und geht dabei auf den Ursprung, die Sprache und die spirituelle Bedeutung der einzelnen Worte dieses Mantras ein. Seine Videos zum Mul Mantra sind empfehlenswert und du kannst Satpal Singh ein Like dalassen, wenn dir sein Beitrag gefällt.

Im ersten Video widmet er sich dem allerersten Wort: „Ik“ – Eins. Er erläutert, was mit dieser Eins wirklich gemeint ist, und erklärt zugleich den Titel und den grundlegenden Gedanken dieser Komposition.

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