Begegnung als lebendigen Erfahrung geschieht, wenn Ich und Du einander wirklich wahrnehmen. Wie oft sagt man: „Ich bin Lehrer“, „Ich bin Mutter“, „Ich komme aus Hamburg.“ Doch kaum jemand sagt einfach: „Ich bin wie du.“ Dabei liegt darin eine tiefere Wahrheit. Ich und Du sind aus demselben menschlichen Stoff gemacht. Was uns voneinander trennt, ist nicht unser Wesen, sondern die Art, wie wir einander sehen, verstehen und begegnen.
Genau dieses Geheimnis – wie wir einander begegnen – hat auch den jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber sein Leben lang beschäftigt. Seine Gedanken passen erstaunlich gut zu dem, was wir beim Yoga und in der Meditation üben.
Zwei Welten: Ich-Es und Ich-Du

Buber unterscheidet zwei Grundhaltungen, mit denen wir durchs Leben gehen. Die erste nennt er Ich-Es. Das ist die Welt der Erfahrung. Ich betrachte etwas, ich analysiere es, ich nutze es, ich ordne es ein: das ist ein Baum, das ist ein Kollege, das ist ein Feind, das ist ein Freund. In dieser Haltung bleibe ich für mich. Die Erfahrung passiert in mir – die Welt da draußen bekommt davon nichts mit, sie bleibt unberührt. Ich-Es ist, wie Buber sagt, „reines Nebeneinander“. Nützlich, notwendig, alltäglich, aber ohne echtes Berührtsein.
Die zweite Haltung nennt er Ich-Du. Das ist kein Nebeneinander, sondern eine Beziehung. Hier stehe ich nicht mehr neben dem anderen, sondern ihm gegenüber – ganz, ohne Vorbehalt, ohne ihn in eine Schublade zu stecken. In diesem Moment gibt es kein Nebeneinander, sondern ein Miteinander. Etwas geschieht zwischen uns, nicht nur in mir. Buber nennt das Gegenseitigkeit: Ich wirke auf mein Gegenüber, und mein Gegenüber wirkt auf mich zurück. Liebe, sagt er, ist nicht etwas, das ich besitze oder empfinde – sie fließt zwischen mir und dem anderen.
Warum wir so oft im Ich-Es steckenbleiben

Die meiste Zeit unseres Alltags verbringen wir im Ich-Es. Wir kategorisieren einander. „Wer bist du?“ – „Ich bin Lehrer.“ „Ich komme aus Hamburg.“ „Ich gehöre zu dieser oder jener Gruppe.“ Das sind alles Etiketten, keine Begegnungen. Und mit den Etiketten kommt oft auch die Distanz: Was uns fremd erscheint, halten wir schnell für komisch, falsch oder minderwertig.
Es gibt eine Szene, die vermutlich jeder von uns kennt: Man steht an der Kasse, die Verkäuferin wirkt gestresst, abwesend, vielleicht sogar unfreundlich. Für einen Moment ist sie für uns nur noch „die Kassiererin“ – eine Funktion und kein Mensch. Wir zahlen, murmeln ein „Danke“ und gehen weiter: reines Ich-Es, reines Nebeneinander.
Und dann gibt es diese anderen Momente. Sie sind allerdings viel seltener: Man schaut wirklich hin und sieht die Erschöpfung in den Augen der Frau, die seit Stunden am Band steht. Sagt nicht nur „Danke“, sondern meint es, lächelt, und sagt vielleicht ein paar Worte mehr als nötig. Und manchmal – nicht immer, aber manchmal – lächelt sie zurück. Für einen Augenblick wird die Müdigkeit durchbrochen. In diesem kurzen Aufblitzen wird aus dem Ich-Es ein Ich-Du. Zwei Menschen, die sich für einen Herzschlag lang wirklich begegnen, statt aneinander vorbeizugehen.
Diese Momente sind selten, weil sie etwas kosten: Aufmerksamkeit, Verletzlichkeit, den Mut, den anderen nicht in eine Schublade zu stecken. Es ist viel leichter, im Ich-Es zu bleiben. Die Unsicherheit, die uns oft dazu bringt, andere kleinzumachen oder auf Abstand zu halten, entsteht selten aus Bosheit. Sie entstammt einer inneren Leere, die wir nach außen verlagern. Wir fragen: „Was ist mit dir los?“, „Was machst du falsch?“ – dabei liegt die eigentliche Frage viel näher: „Was ist in mir los?“
Die Brücke zur Yoga- und Meditationspraxis
Und genau hier berührt Bubers Philosophie unsere Praxis. Kundalini Yoga und Meditation sind, im Kern, eine Übung im Ich-Du – paradoxerweise zuerst in uns selbst.
Wenn wir Yoga praktizieren, die Wirbelsäule aufrichten und die Augen schließen, verlassen wir für einen Moment das ständige Kategorisieren, Bewerten und Einordnen – das „Ich-Es-Denken“ über uns selbst („Ich bin zu müde“, „Ich mache das falsch“, „Ich sollte mehr schaffen“). Stattdessen üben wir, uns selbst gegenüberzutreten. Ganz ohne Urteil, ohne Schublade. Die erste und schwierigste Ich-Du-Beziehung ist die zu uns selbst.
Meditation ist kein geheimnisvolles Ritual. Man kann es sich wie Wäschewaschen vorstellen: Wir öffnen die innere Schmutzschublade, holen alles heraus, was sich angesammelt hat, und lassen es fortziehen. Wenn wir wieder aufstehen, ist etwas leichter geworden. Wer beim Meditieren nur „störende Gedanken” bemerkt, macht nichts falsch. Genau das ist der Prozess: Der Ballast kommt endlich an die Oberfläche, um zu gehen.
Wenn wir uns selbst auf diese Weise begegnen – offen, ohne zu urteilen, in einem echten Gegenüber –, verändert sich auch unsere Art, anderen zu begegnen. Die Yogaphilosophie bringt es mit den Worten „Sat Nam” auf den Punkt: „Wahrheit ist meine Identität.” Nicht meine Rolle, nicht mein Etikett, sondern das, was jenseits davon liegt. Und genau das kommt auch in einer echten Ich-Du-Begegnung zum Vorschein.
Eine kleine Übung für den Alltag

Vielleicht kennst du das: ein Streit in der Partnerschaft, ein Missverständnis mit dem Kollegen, ein flüchtiger Moment der Ungeduld. Genau da lohnt es sich, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Behandle ich mein Gegenüber gerade als Ich-Es – als etwas, das ich einordnen, bewerten, richtigstellen will? Oder trete ich ihm als Ich-Du gegenüber – offen, ohne Vorbehalt, bereit, mich wirklich berühren zu lassen?
Ein einfacher Satz kann dabei helfen, bevor man in eine solche Begegnung geht – ähnlich wie ein kurzes Innehalten vor dem Spiegel:
„Mein Selbst, hilf mir, aus meiner eigenen Kraft heraus fair und gütig zu sein – mit mir selbst und mit meinem Gegenüber.“
Was bleibt?
Vielleicht ist das die Einladung, die sowohl Buber als auch unsere Yogapraxis uns aussprechen: Die Welt lässt sich erfahren, einordnen und nutzen. Das ist wichtig und notwendig. Aber das eigentliche Leben, die eigentliche Heilung, geschieht dort, wo wir aufhören, nebeneinander herzuleben, und beginnen, einander wirklich gegenüberzutreten. Ich und Du – zwei Worte, ein Wesen und der Weg dorthin führt, wie so oft in unserer Praxis, zuerst nach innen.
Quellen:
