Empörung als neue Normalität – was würden die Yamas dazu sagen?

Empörung als neue Normalität – was würden die Yamas dazu sagen?

„Empörung als neue Normalität – was würden die Yamas dazu sagen?“ – dieses Thema beschäftigt uns schon seit Längerem. Ein Satz auf Facebook, ein kurzes Reel, eine politische Äußerung – und plötzlich beschleunigt sich der Puls. Der Daumen schwebt über der Tastatur, eine hitzige Antwort ist schon halb formuliert. Man verspürt den Drang, sofort zu widersprechen, die Dinge richtigzustellen oder dem Gegenüber einmal kräftig die Meinung zu blasen. Was geschieht da eigentlich in einem und warum ist Empörung heutzutage bei vielen Menschen fast zu einem Dauerzustand geworden?

Ein uraltes Alarmsystem

Empörung ist nichts Neues. Sie wurzelt in unserem ursprünglichsten Überlebensmechanismus, der Kampf-oder-Flucht-Reaktion. Wenn wir eine Bedrohung wahrnehmen, steigt unsere Herzfrequenz, die Muskeln spannen sich an und unser Fokus verengt sich. Angst treibt uns zur Flucht, Wut zum Kampf. Beides hat uns Menschen über Jahrtausende hinweg das Überleben gesichert. Empörung ist wie ein rot leuchtendes Alarmlämpchen: Etwas erscheint uns ungerecht oder tief verwurzelten Überzeugungen werden angegriffen. Empörung ist nicht grundsätzlich schlecht. sie kann uns auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, uns dabei helfen, Grenzen zu setzen, und uns den Mut geben, für andere einzustehen. Gefährlich wird die Empörung jedoch, wenn sie beginnt, den Menschen zu beherrschen, statt umgekehrt.

Warum Empörung zur neuen Normalität geworden ist

Wenn man anderen Menschen direkt begegnet, dann sieht man in ihre man ihre Gesichter, hört ihre Stimmen und man setzte sich mit ihren Reaktionen unmittelbar auseinander. Sitzt man vor dem Computer, dann genügt ein Klick. Aus der Sicherheit des Wohnzimmers heraus kann man andere beleidigen, verurteilen und öffentlich an den Pranger stellen. Je weiter die Person von einem entfernt ist, desto geringer ist die natürliche Hemmschwelle, ihr wehzutun. Und was wir „soziale Medien“ nennen, ist oft bemerkenswert unsozial.

Die Plattformen leben von unserer Aufmerksamkeit – und nichts fesselt Aufmerksamkeit so zuverlässig wie Wut. Was empört, wird von Algorithmen häufiger angezeigt. Hier trifft das uraltes Alarmsystem des Menschen auf einen Mechanismus, der gezielt darauf ausgelegt ist, genau diesen Alarm auszulösen. So verbinden sich viele einzelne Momente der Empörung zu einer Welle, die selbst nicht weiß, wohin sie eigentlich trägt. So kann man sich fragen: Wer zieht einen Nutzen daraus, dass ich gerade wütend bin?

Nirbhao und Nirvair – ohne Furcht und ohne Feindschaft

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Im Mul Mantra der Sikh-Tradition begegnen uns zwei Begriffe, die lange nachklingen können: Nirbhao (ohne Furcht) und Nirvair (ohne Feindschaft, ohne Hass). Diese Begriffe beschreiben Eigenschaften des Einen, des Göttlichen, die gegenwärtig sind in allem, was ist. Für uns bieten sie zudem ein Leitprinzip des menschlichen Lebens: zu handeln, ohne von Furcht getrieben zu sein, und anderen zu begegnen, ohne Feindschaft zu hegen.

Das bedeutet jedoch nicht, alles hinzunehmen. Wir dürfen anderer Meinung sein, unsere Ansichten klar äußern und Grenzen setzen. Doch wir müssen andere Menschen nicht zu unseren Feinden machen. Was das Mul Mantra als Haltung definiert, wird durch die fünf Yamas – die ethischen Grundlagen des Yoga, wie sie in Patanjalis Yoga-Sutras dargelegt sind – weiter konkretisiert. Sie übertragen dieses Leitprinzip in einen praktischen Weg für den Alltag.

Die fünf Yamas im Zeitalter der Empörung

Ahimsa – Gewaltlosigkeit
Gewalt beginnt nicht erst mit einer körperlichen Verletzung, auch Worte können Schaden anrichten. Ahimsa fordert uns dazu auf, die Würde anderer zu achten – selbst in Konfliktsituationen. Um eine klare Grenze zu setzen, ist es nicht nötig, jemanden zu demütigen.

Satya – Wahrhaftigkeit Ist das, worüber ich mich empöre, tatsächlich wahr? Verstehe ich den gesamten Kontext? Reagiere ich auf ein Gerücht, eine Behauptung oder eine aus dem Zusammenhang gerissene Aussage? Satya erinnert uns daran, behutsam mit der Wahrheit umzugehen – auch mit der Wahrheit über uns selbst.

Asteya – Nicht-Stehlen Wir können einem anderen Menschen mehr nehmen als nur materielle Dinge. Wir können ihm auch seine Stimme rauben, indem wir ihn unterbrechen und verhindern, dass seine Gedanken gehört werden. Asteya lädt uns dazu ein, anderen den Raum zu lassen, der ihnen rechtmäßig zusteht.

Brahmacharya – der bewusste Umgang mit Lebensenergie
Brahmacharya wird mit „Enthaltsamkeit” übersetzt. Im weiteren Sinne bezeichnet der Begriff den maßvollen, bewussten Umgang mit der Lebensenergie. Wenn man sich beispielsweise eine Stunde lang in einer Kommentarspalte mit einem Fremden streiten, kann es sein, dass einem am Abend die Kraft für die Dinge fehlt, die einen wirklich nähren: für ein Gespräch mit einem Freund, für die persönliche Praxis oder für Momente der Stille.

Aparigraha – Nicht-Anhaften
Dies ist vielleicht das herausforderndste Yama in einer Zeit, in der jeder darauf beharrt, im Recht zu sein. Wer das Bedürfnis hat, recht zu haben, klammert sich an seine Meinungen, als würde er sich an einem Geländer festhalten. Aparigraha fragt: Kann ich mir eine gegensätzliche Ansicht anhören, ohne sofort dagegen anzugehen? Kann ich meine eigenen Überzeugungen hinterfragen? Und kann ich von einem Streit ablassen, selbst wenn die andere Person das letzte Wort behält?

Die innere Freiheit, nicht sofort reagieren zu müssen

Yoga lehrt uns, wahrzunehmen, was in uns geschieht: wie Ärger aufsteigt, wie sich der Atem verändert und wie der Wunsch entsteht, der Wut freien Lauf zu lassen. Doch zwischen Gefühl und Handlung befindet sich kleiner Raum, der Wahlfreiheit lässt.

Meditation für Neutralität
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Haltung und Durchführung
  1. Setze dich mit aufgerichteter Wirbelsäule hin.
  2. Hebe die Hände vor die Brust auf Höhe des Brustbeins. Die Handflächen zeigen zum Oberkörper, die Finger sind parallel zum Boden ausgerichtet.
  3. Lege die rechte Handfläche auf den linken Handrücken. Die Daumenspitzen berühren sich und zeigen nach oben.
  4. Halte die Arme so, dass die Schultern entspannt bleiben und die Unterarme parallel zum Boden ausgerichtet sind.
  5. Die Augen sind zu einem Zehntel geöffnet.
  6. Atme tief durch die Nase ein und halte den Atem für 10 Sekunden an. Atme anschließend vollständig durch die Nase aus, ziehe dabei das Nabelzentrum nach innen und halte den Atem für weitere 10 Sekunden draußen.
  7. Setze diesen Atemrhythmus fort.
Kommentar

Meditiere für 3 Minuten. Wenn du bereits Erfahrung mit dieser Meditation gesammelt hast, kannst du sie bei Bedarf auf 11 Minuten ausdehnen.

Die Meditation kann dir helfen, innerhalb kurzer Zeit deinen neutralen Geist zu aktivieren und deine Umgebung klarer, bewusster und ohne vorschnelle Bewertung wahrzunehmen.

Hinweis zur Praxis

Die Atempausen sollten nicht erzwungen werden. Bei Schwindel oder Unwohlsein zur natürlichen Atmung zurückkehren.

Act, don’t react

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In dem Raum zwischen Aktion und Reaktion können wir zuhören und nachfragen. Wir können erkennen, dass das Gegenüber aus einer anderen Erfahrungswelt heraus spricht und können dennoch bei unseren Werten bleiben. Spirituelle Praxis bedeutet nicht, keinen Zorn mehr zu empfinden oder bei Ungerechtigkeiten zu schweigen. Es bedeutet vielmehr, sich nicht von jedem Gefühl beherrschen zu lassen. Das Mul Mantra erinnert an das Eine, das allem Leben zugrunde liegt. Wer sich damit verbindet, gewinnt Abstand zur eigenen Reaktion. Wir werden zum Beobachter, ohne gleichgültig zu werten.
Empörung kann am Anfang eines Prozesses stehen, sie sollte jedoch nicht das Ende unseres Denkens sein. Wir brauchen heute nicht noch mehr Menschen, die am lautesten schreien, sondern mehr Menschen, die den Mut haben, zuzuhören, nachzudenken und klar zu handeln – ohne Furcht, ohne Feindschaft.

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