Sag’s mit Patanjali : Yogische Kommunikation im Internet

Das Internet ist ein riesiger, globaler Treffpunkt.  Wir können uns per E-Mail,  Instant Messenger (zum Beispiel über Dienste wie WhatsApp, Skype , Facebook Messenger) oder über soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram mit anderen Personen oder Gruppen austauschen.  Die Messenger – Programme werden werden stetig weiterentwickelt und zukunftsorientiert eingesetzt.  Doch viele Nutzer*innen befinden sich in Bezug auf die Gesprächskultur noch im letzten Jahrhundert. Durch Anonymität geschützt, kann im Internet jeder alles sagen. Schönes, Wahres und Weises, aber auch Lügen, Unsinniges und Verletzendes.  

Mich hat die Geschichte einer zugegebenermaßen reizbaren Freundin inspiriert. Eine Kollegin wollte diese Freundin bei der Chefin anschwärzen. Der Plan war,  meine Freundin so zu provozieren, dass sie ausfallend werden würde. Die Kollegin schrieb meiner Freundin provakante Mails, in der sie absichtlich Halbwahrheiten behauptete.  Meine Freundin ahnte, dass die Kollegin  wütende Antwortmails an die Chefin weiterleiten würde. So beantwortete sie diese Mails höflich, achtete auf ihre Rechtschreibung und korrigierte die Aussagen der Kollegin sachlich und respektvoll. Am Ende des Tages musste sich die Kollegin der Chefin erklären. Meine Freundin konnte ihr Standing in der Firma dank der ausgewogenen Mail-Kommunikation ausbauen.

Die Geschichte war mir eine Lehre. Auch meine Mails oder Messages könnten an eine Vielzahl von Personen weitergeleitet werden. Ich kommuniziere  daher im Internet besonders korrekt und respektvoll.  In den sozialen Netzwerken unterhalte ich mich auf virtueller Ebene mit vielen unterschiedlichen Personen. Ich würde in der analogen Welt meine Nachbar*innen, Freund*innen, Verwandte, Kolleg*innen oder Menschen auf der Straße niemals beschimpfen, anbrüllen oder ungefragt mit viel Text zumüllen.  Ich würde keine schrecklichen und aufwühlende Bilder oder Filme zeigen.  Oder den Menschen ihre Meinung verbieten und ihnen mein Weltbild aufzwingen. Das finde ich im höchsten Mäße undemokratisch. Wenn Nachbar*innen, Kolleg*innen oder Verwandte eklatant andere Werte haben als ich, dann meide ich sie.

Das Netz als unzivilisierter Raum

Im Internet ist es möglich, seine Meinung frei zu äußern, daher lassen viele Menschen ihrem Missmut freien Lauf.  Möglicherweise können oder dürfen sie ihren Zorn im realen Leben nicht kommunizieren. Hinzu kommt, dass wir Menschen zur Generalisierung neigen.

Zu einer guten Diskussionskultur gehört, die andere Meinung zu akzeptieren. Man muss diese keinesfalls mögen oder teilen.  Das Internet ist ein wunderbarer Technologie-Komplex für das Lernen und den Austausch. Die Möglichkeit des Austausches wird allerdings auch von Feinden der Demokratie genutzt. Jeder hat eine Stimme, manchmal  aber auch mehrere durch mehrere Konten.  Oft sind keine Menschen, sondern Bots im Einsatz (weitgehend automatisierte Programme).  Dadurch kann es zu Shitstorms, zu Wahlmanipulationen und zur Verbreitung von Fake News  kommen.  Es ist daher wichtig, jede Nachricht auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, bevor sie unbedacht weiter verbreitet wird.  Außerdem ist es maßgeblich, auf die eigenen Kontakte zu achten. Spamkontaktanfragen sollten abgelehnt werden. Man weiß nie, wer dahintersteckt. Kontakte, die sich zutiefst gegen die eigenen Werte wenden, sollten ‚entfreundet’ werden.  Wenn einer deiner Freundschaftskontakte jedoch lediglich eine andere Meinung vertritt und diese zudem respektvoll kommuniziert, dann kann dieser Kontakt eine Erweiterung deiner Filterblase bedeuten.

Die fünf Yamas (Verhaltensregeln) des Gelehrten Patanjali als Kommunikationstool

1. Ahimsa

Ahimsa bedeutet Nicht-Verletzen oder Gewaltlosigkeit.  Wenn du Gewaltlosigkeit ausstrahlst, dann hat das die Macht Feindschaften aufzulösen.  Gieße kein Öl ins Feuer der Internet-Diskussion, indem du verletzende Argumente vorbringst und die kränkende Kommunikationsweise anderer User übernimmst.  Bleibe vernünftig und kühl und behalte den Überblick. Beteilige dich nicht an jeder Diskussion, nimm wahr, was sich wirklich lohnt.  Füttere keineswegs den Troll. Eine gute Taktik ist das Nachfragen. Prüfe Meldungen auf  ihre Güte, bevor du sie weitergibst.

2. Satya

Satya ist die Wahrhaftigkeit. Gegenwärtig  haben Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Manipulationen Hochkonjunktur. Wahrheit ist ein seltenes und wichtiges Gut.   Wenn du wahrhaftig bist, dann entsteht ein energetischerer Raum voller Möglichkeiten. Deine Projektionen sind wirkungsvoller und du kannst dich leichter entspannen. Bleibe klar und wahr und prüfe Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt, bevor du sie weitergibst.

3. Asteya

Asteya ist das Nichtstehlen: Du nimmst nicht, was dir nicht gehört. Auf das Internet bezogen zählen hierzu Fotos, Texte und Filme, die nicht freigegeben wurden. Doch auch das Stehlen von Aufmerksamkeit und Zeit gehört in diese Kategorie.  Schreibe verständlich und sachlich, so dass dein Gegenüber deinen Text verstehen kann. Poste keine ellenlangen Texte und gestalte das Verlinken von Beiträgen übersichtlich. Achte auf deine Rechtschreibung.  Frage dich, ob das, was du zu sagen hast, wirklich wichtig ist.

4. Brahmacharyia

Brahmachayria ist die Mäßigung.  Hier geht es darum, zu wissen, wann etwas genug ist.  Das betrifft die Zeit, die man im Internet und in den sozialen Netzwerken verbringt, aber auch die Zeitspanne, die man für einzelne Posts aufwendet. Körper und Geist geraten aus dem Gleichgewicht, wenn man extrem viel schreibt, sehr oft postet oder sich dauernd mit den Beiträgen anderer beschäftigt. Achte darauf, dass du sorgsam mit deinen Kräften und mit den Energien anderer umgehst.  

5. Aparigraha

Aparigraha ist das Nichtanhaften. Loslassen ist hier die Devise.  Klammere dich nicht an deine Meinung oder an deinen Beitrag. Schenke Freiheit und schaffe dir damit Freiräume. Das bedeutet nicht, dass du Themen, die dir wichtig sind,  nur noch selten postest. Bleibe bei deinen Werten, aber klammere dich nicht an einzelnen Beiträgen oder Kommentaren fest.  Atme tief durch und bleibe humorvoll. Entscheide bewusst, ob du dich an einer Diskussion beteiligst oder nicht.

Viele Yogi*nis haben ein hohes Sendungsbewusstsein. Wir haben gelernt, dass eine gesunde und bewusste Lebensweise das Leben positiv verändern kann.  Es ist jedoch unrealistisch, das Gegenüber in der analogen und in der digitalen Welt durch einige wenige Worte zu ändern und dazu zu bewegen, eine andere Meinung anzunehmen. Wenn man im Dialog bleiben und Gedanken ohne Eskalation austauschen kann, dann ist das schon ein großer Gewinn. Bleibe positiv und ehrlich und verbreite Fakten.

Meditation gegen die tägliche Informationsflut und für einen klaren Geist.

Das Netz soll kein unzivilisierter Raum sein, wo ich alles rauslassen kann, was ich sonst nicht sagen würde, sondern es ist ein Raum, in dem ich mich genauso zivilisiert bewege wie im Straßenverkehr oder an einem Esstisch. ~ Dr. Johanna Haberer (geb. 1956) ist Professorin für Christliche Publizistik
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.