Yoga wird gelebt – und vielleicht ist das die einfachste Antwort auf die Frage, was Yoga eigentlich ist. Wer mit Kundalini Yoga beginnt, begegnet zunächst einer Fülle von Dingen, die ungewohnt sein können: bestimmten Körperhaltungen, bewusster Atmung, Meditation, Mantras und manchmal auch Begriffen aus einer sehr alten indischen Tradition. Man kann versuchen, all das zuerst zu verstehen. Doch irgendwann entdeckt man, dass Yoga sich nicht wirklich erklären lässt, solange man ihn nur von außen betrachtet. Eine alte Geschichte erzählt von einem jungen Mann, der genau das lernen musste.
Der Schüler, der eine Antwort suchte
Er hatte jahrelang studiert. Er kannte die Schriften, wusste über Meditation Bescheid und konnte ausführlich darüber sprechen, wie ein Mensch seinen Geist beruhigen und zu größerer Erkenntnis gelangen könne. Trotzdem spürte er, dass ihm etwas fehlte. Also machte er sich auf den Weg zu einem Lehrer, von dem es hieß, dass er nicht nur über Yoga sprach, sondern ihn lebte. Als der junge Mann nach einer langen Reise endlich bei ihm ankam, wollte er zeigen, dass er kein Anfänger war. Er erzählte von den Büchern, die er gelesen hatte, von seinen Gedanken über Bewusstsein und von allem, was er bereits über Yoga wusste. Der Lehrer hörte geduldig zu und unterbrach ihn nicht.
Irgendwann fragte der Schüler: „Was muss ich noch wissen?“ Der Lehrer antwortete: „Vielleicht musst du im Augenblick gar nichts mehr wissen.“ Der Schüler verstand nicht. „Was soll ich dann tun?“ „Morgen früh kommst du zu mir.“ Mehr sagte der Lehrer nicht.
Eine erstaunlich einfache Aufgabe

Am nächsten Morgen führte der Lehrer ihn zu einem Baum. Die Sonne war gerade aufgegangen, die Luft war noch kühl, und irgendwo in der Nähe hörte man Vögel. „Setz dich hin“, sagte der Lehrer. Der Schüler wartete auf weitere Anweisungen. „Und nun?“ „Beobachte deinen Atem.“ „Wie lange?“ „Bis ich wiederkomme.“ Damit ging der Lehrer fort.
Zunächst fand der Schüler die Aufgabe beinahe lächerlich. Dafür hatte er doch nicht jahrelang die großen Yogatexte studiert. Seinen Atem beobachten konnte schließlich jeder. Nach einigen Minuten begann sein Rücken zu schmerzen. Kurz darauf störte ihn eine Fliege. Dann fragte er sich, wo der Lehrer blieb. Er dachte an das Frühstück, das er noch nicht bekommen hatte, erinnerte sich an ein Gespräch vom vergangenen Tag und begann schließlich, sich über sich selbst zu ärgern, weil er während einer Meditation über völlig belanglose Dinge nachdachte.
Je länger er dort saß, desto unruhiger wurde er. Er versuchte, sich stärker zu konzentrieren. Das machte es nur schlimmer. Er versuchte, keine Gedanken mehr zu haben, und stellte fest, dass er nun ununterbrochen darüber nachdachte, dass er keine Gedanken haben wollte. Als der Lehrer endlich zurückkam, fragte er: „Wie war deine Meditation?“ Der Schüler antwortete gereizt: „Schrecklich. Mein Rücken tat weh, ständig kamen Gedanken, und ich war überhaupt nicht ruhig.“
Der Lehrer sah ihn an und fragte: „Und vorher?“ „Was vorher?“ „Warst du vorher nicht unruhig? “Der Schüler schwieg. „Doch“, sagte er schließlich. „Wahrscheinlich schon.“ „Dann hat die Meditation deine Unruhe nicht erzeugt“, antwortete der Lehrer. „Sie hat sie dir gezeigt. Yoga wird gelebt!“ Zum ersten Mal an diesem Morgen wurde der Schüler wirklich still.
Patañjalis überraschender Rat: Yoga wird gelebt
Vielleicht hätte Patañjali diese kleine Szene verstanden. In seinen Yoga-Sutras beschreibt er zwei Kräfte, die für den Yogaweg wesentlich sind: abhyāsa und vairāgya. Abhyāsa bedeutet das beständige Üben. Wir kehren immer wieder zurück. Wir setzen uns wieder hin, wir atmen wieder bewusst, wir üben erneut, auch wenn es gestern nicht besonders gut lief und heute vielleicht ebenfalls nicht. Yoga wird gelebt.
Vairāgya bedeutet Loslassen. Wir üben, ohne krampfhaft ein bestimmtes Ergebnis erzwingen zu wollen. Gerade diese Verbindung ist bemerkenswert. Patañjali sagt nicht einfach: Streng dich mehr an. Er sagt ebenso wenig: Lass alles geschehen und tu nichts. Er verbindet beides. Der Mensch braucht die Bereitschaft, einen Weg wirklich zu gehen, und gleichzeitig die Fähigkeit, nicht jeden Schritt kontrollieren zu wollen.
Das lässt sich leicht auf eine Yogastunde übertragen. Wir gehen durch eine Übung hindurch, aber wir kämpfen nicht gegen unseren Körper. Wir beobachten den Atem, aber wir verlangen nicht, dass der Geist sofort still wird. Wir meditieren, ohne anschließend zu prüfen, ob wir nun endlich ein spirituellerer Mensch geworden sind. Und vielleicht ist genau diese Haltung auch außerhalb des Yogaraumes wertvoll. Wir können vieles in unserem Leben beeinflussen, aber nicht alles. Wir können handeln, ohne alles beherrschen zu können. Wir können uns bemühen und trotzdem lernen loszulassen.
Yoga wird gelebt: Wenn der Körper zum Lehrer wird

Im Kundalini Yoga geschieht vieles über den Körper. Das ist zunächst sehr unmittelbar. Wir bewegen die Wirbelsäule, halten die Arme in einer bestimmten Position, verändern bewusst unseren Atem oder sitzen einige Minuten still. Dabei kann etwas Merkwürdiges geschehen. Eine Übung, die äußerlich sehr einfach aussieht, beginnt plötzlich etwas in uns sichtbar zu machen. Nach zwei Minuten denken wir vielleicht, dass es reicht. Nach drei Minuten fragen wir uns, warum die Lehrerin die Übung noch immer nicht beendet. Nach vier Minuten beginnen wir mit uns selbst zu verhandeln. Dann üben wir längst nicht mehr nur unsere Schultern.
Wir lernen etwas über unseren Umgang mit Anstrengung, Ungeduld, Ehrgeiz und Widerstand. Natürlich bedeutet Yoga nicht, Schmerzen zu ignorieren oder den Körper zu überwältigen. Gerade die bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers gehört zur Praxis. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Anstrengung, die uns wach macht, und einem Schmerz, der uns sagt, dass eine Grenze erreicht ist. Auch das muss man lernen, denn Yga wird gelebt.
Der Körper ist dabei nicht der Gegner des Geistes. Er ist ein sehr ehrlicher Begleiter. Angst verändert unseren Atem, Sorge zieht sich durch unsere Muskeln, Freude richtet uns auf, Erschöpfung lässt uns zusammensinken. Vieles, was wir gedanklich noch überspielen können, hat der Körper längst bemerkt.Deshalb beginnt der Weg nach innen im Yoga so oft mit etwas ganz Konkretem. Er beginnt mit einem Atemzug.
Man kann Yoga können und ihn trotzdem verfehlen
Die alten Texte des Hatha Yoga sind an diesem Punkt erstaunlich deutlich. Die Hatha-Yoga-Pradipika wendet sich an Menschen, die viel über Yoga wissen, vielleicht sogar wie Yogis aussehen, aber nicht wirklich praktizieren. Bücher, Kleidung und große Worte reichen nicht aus. Entscheidend ist die eigene Erfahrung. Doch auch diese Aussage kann man missverstehen. Denn nun könnte man glauben, man müsse einfach nur besonders viel üben. Doch auch das wäre zu kurz gedacht.
Ein Mensch kann sehr beweglich sein und innerlich völlig unbeweglich bleiben. Er kann jeden Morgen eine Stunde meditieren und anschließend lieblos mit anderen Menschen umgehen. Er kann seinen Atem hervorragend beherrschen und trotzdem von seiner Angst, seinem Ehrgeiz oder seiner Wut beherrscht werden. Dann ist die Technik vielleicht beeindruckend, aber Yoga ist daraus noch nicht unbedingt geworden. Die Übungen sollen uns nicht zu perfekten Akrobaten machen. Sie sollen uns helfen, bewusster zu werden.
Yoga wird gelebt, die eigentliche Übung beginnt später
Vielleicht erkennt man die Wirkung einer Yogapraxis deshalb gar nicht zuerst auf der Matte. Vielleicht zeigt sie sich an einem ganz gewöhnlichen Dienstagmorgen. Jemand sagt etwas, das uns verletzt. Normalerweise würden wir sofort antworten. Doch diesmal merken wir, wie sich der Körper anspannt. Wir spüren den Atem, bevor die Worte herauskommen. Für einen kurzen Augenblick entsteht ein Raum zwischen dem, was geschehen ist, und unserer Reaktion.
Wir antworten vielleicht immer noch deutlich. Yoga bedeutet nicht, alles hinzunehmen und ständig friedlich zu lächeln. Aber wir reagieren nicht mehr vollkommen automatisch. Dieser kleine Augenblick kann bedeutsamer sein als eine besonders gelungene Körperhaltung. Denn nun ist etwas von der Übung in unser Leben gelangt.
Vielleicht werden wir mit der Zeit auch freundlicher mit dem eigenen Körper. Vielleicht bemerken wir früher, wann wir erschöpft sind. Vielleicht hören wir einem Menschen genauer zu. Vielleicht erkennen wir ein altes Muster, bevor es wieder unser Handeln bestimmt. Von außen sieht das wenig spektakulär aus. Innerlich kann es eine große Veränderung sein.
Der Schüler kehrt zurück

Am nächsten Morgen saß der junge Mann wieder unter dem Baum. Der Lehrer hatte ihn nicht darum gebeten. Er war von selbst gekommen. Wieder beobachtete er seinen Atem. Wieder begann nach einiger Zeit sein Rücken zu ziehen. Wieder kamen Gedanken. Der Unterschied bestand nur darin, dass er diesmal nicht sofort glaubte, etwas sei schiefgegangen. Er bemerkte die Unruhe und blieb sitzen.Er bemerkte einen Gedanken und ließ ihn weiterziehen. Dann kam der nächste Gedanke. Und irgendwann musste er über sich selbst lächeln. Jahrelang hatte er nach einem besonderen Wissen gesucht, und nun saß er unter einem Baum und lernte etwas so Einfaches wie das Dableiben.
Als der Lehrer vorbeikam, setzte er sich neben ihn. Nach einer Weile sagte der Schüler: „Heute war mein Geist wieder unruhig.“ Der Lehrer nickte. „Aber es hat mich nicht so gestört.“ Der Lehrer lächelte. „Dann hast du heute etwas über das Loslassen gelernt.“ Der Schüler dachte einen Moment nach und fragte: „Und morgen?“ „Morgen übst du wieder.“ Möglicherweise hätte Patañjali an dieser Antwort Freude gehabt. Denn darin liegen abhyāsa und vairāgya ganz nah beieinander: wiederkommen und loslassen, sich einlassen und nichts erzwingen.
Yoga wird gelebt und wir müssen nicht alles verstehen
Der junge Mann war zu seinem Lehrer gekommen, weil er erfahren wollte, was Yoga ist. Am Ende bekam er keine endgültige Antwort. Er bekam etwas Wertvolleres: eine Praxis, durch die er seine eigenen Antworten finden konnte. Und vielleicht beginnt Kundalini Yoga auch für uns genau dort. Wir müssen nicht alles verstehen, bevor wir anfangen. Wir müssen weder besonders beweglich noch besonders spirituell sein. Wir brauchen nur die Bereitschaft, uns auf die Erfahrung einzulassen und aufmerksam zu beobachten, was dabei geschieht.
Denn am Ende entscheidet sich Yoga nicht daran, wie viel wir darüber wissen. Entscheidend ist, ob das, was wir üben, langsam Eingang in unser Leben findet. Der Schüler unter dem Baum hatte das begriffen. Am ersten Tag wusste er viel über Yoga. Am zweiten Tag lernte er etwas über sich selbst. Und am dritten Tag kam er wieder. Vielleicht ist das bereits der ganze Weg.
Inspiration und Quelle: Yoga-Philosophie-Atlas
