Kundalini Yoga: Atem ist Leben

Wir holen ca. 20.000 Mal am Tag Luft; der Mensch kann nur wenige Minuten ohne Atemluft überleben.  Der Atem schenkt dem Körper Kraft und Energie. Außerdem ist er unsere Verbindung zur Welt: Die eingeatmete Luft ist voller verwirbelter Atome, die vorher zu etwas oder jemand anderem gehört haben. Mit jeder Ausatmung geben wir etwas von uns an unsere Umgebung ab.  Nicht nur im Yoga, sondern in vielen Kulturen wird dem Atem eine spirituelle Bedeutung beigemessen.  In der chinesischen Medizin gilt das Qi (übersetzt: Dampf, Atem) als Lebensquelle, die alles durchdringt. Für die Aborigines ist der Atem mit dem Geist verbunden, der bis zum Tod im Körper eines jeden Wesens wohnt.  

Tatsache ist, dass die Atmung die einzige unserer vitalen Körperfunktionen ist, die wir willentlich beeinflussen können. Die Nervengruppe, die unsere Atmung steuert, empfängt und sendet Signale in der sogenannten Medulla Oblongata. Dieser Teil des Gehirns, auch verlängertes Mark oder Markhirn genannt, ist der am weitesten hinten und unten gelegene Teil des Hirnstamms. Die Medulla Oblongata arbeitet mit den Anteilen des Nervensystems, die für Stress (Sympathikus) und Entspannung (Parasympathikus) zuständig sind, zusammen. Wenn wir zum Beispiel schlafen und tief und entspannt atmen, dann ist der Parasympathikus aktiv.  Sind wir aufgeregt und atmen wir schnell und kurz, dann wird die Atmung vom Sympathikus beeinflusst. Durch eine bewusste Atemweise können wir uns beruhigen oder auch vitalisieren.

Energie gewinnt der Körper, indem er den Sauerstoff der Atemluft in jede seiner Zellen transportiert. Wir ziehen die Luft durch die Nase (oder durch den Mund) ein.  Die Luft strömt durch die Luftröhre zum Bronchialsystem. Die Bronchien kann man mit einem auf dem Kopf stehenden blätterlosen Baum vergleichen. Stärkere Äste verzweigen sich in immer feinere, an deren Enden sich schließlich die winzigen Alveolen (Lungenbläschen) befinden. Erwachsene besitzen 300 bis 400 Millionen dieser Lungenbläschen. Die Gesamtfläche der Lungen beträgt ausgebreitet 70-140 Quadratmeter. Die Lungenbläschen sind engmaschig mit feinsten, hauchdünnen Blutgefäßen (Kapillaren) überzogen. Hier findet der Gasaustausch statt. Der Sauerstoff aus der Atemluft wird ans Blut abgeben, Kohlendioxid wird daraus aufgenommen. Das Luftholen bis zum Gastausch ist die äußere Atmung. Die Lunge wird hierbei belüftet. Das Lebensfeuer brennt nur, wenn die Sauerstoffzufuhr in den Körperzellen stimmt. Die Zelle sondert Kohlendioxid ab, der durch die Blutbahn zur Lunge wandert, von den Kapillaren auf die Alveolen übergeht und durch die Lungen ausgeatmet wird. 

Bewusstes Atmen (Breath Awareness Exercise)

Der Charakter deiner Gedanken und Emotionen spiegelt sich in der Bewegung und dem Energieniveau deines Atems wider. Eine der ersten Gewohnheiten einer/s Yogi*nis ist es daher, den Zustand des Atems und des Pranas (Lebensenergie) wahrzunehmen. Eine Störung im subtilen Prana lässt erahnen, was sich im Körper und in den Emotionen manifestieren kann. Wenn du lernst, wie dein Atem funktioniert, wenn du gesund bist und es dir gut geht, dann kannst du Abweichungen von dem normalen Muster leichter feststellen. Du kannst bestimmte Verhaltensweisen wählen oder eine Meditation aussuchen und damit das Atemmuster nach deinen Wünschen verändern. So formst du die innere Bewegung und lenkst sie um. So kannst du sogar Krankheiten aus dem Weg gehen und Fehlentscheidungen vermeiden. Der bewusste Atem stärkt außerdem deine Intuition. Deine Empfangsantennen dafür, wie andere Menschen dich beeinflussen, werden sensibilisiert. Die Meditation über den Atemfluss im Bauchraum (respektive im Nabelbereich) ist der Ausgangspunkt für das Bewusstsein von Prana. Du kannst dem Atemfluss das Mantra Sat Nam hinzufügen. Übe diese Meditation in Stille aus und prüfe anschließend deinen Energiezustand.

Anleitung:

1. Sitze in Sukhasana (Yogaschneidersitz) und ziehe das Kinn in Richtung Hinterkopf. Die Augen sind geschlossen und leicht nach oben gerollt. Du fokussierst auf den Brauenpunkt.
Die Hände ruhen in Gyan Mudra (Weisheitsmudra, du bildest es, indem du mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis bildest) auf den Knien ruhen oder du nimmst die Hände in der Gebetshaltung vor der Brust zusammen.

2. Achte auf die innere Balance, sodass du ohne Anstrengung in dieser Haltung sitzen kannst. Erhöhe die Sitzposition mit einem Kissen, um bequemer sitzen zu können. Richte deine ganze Aufmerksamkeit auf den Atem. Spüre den Atem als eine Qualität der Bewegung. Wie bewegt er sich in den verschiedenen Teilen deines Rumpfes, während du in einem gleichmäßigen und meditativen Rhythmus atmen?


3. Richte deine Aufmerksamkeit auf die Stirn und gleichzeitig auf den Bereich knapp unterhalb des Nagelpunkts. Spüre die Bewegung und die Lebendigkeit deines Atems. Stelle dir deinen Körper als leuchtend vor. Mit jedem Atemzug nimmt das Licht an Helligkeit, Ausdehnung und Durchdringung zu. Verschmelze deinen Atem und das Licht mit dem gesamten Kosmos. Der Atem atmet dich. Erleben dich als eine Einheit und den Kosmos als unbegrenzt. Spüre, wie du ein Teil dieser Weite bist. Der Atem ist wie eine Welle auf einem viel größeren Ozean aus Energie. Und du bist ein Teil davon.


4. Nimm die feinen Bewegungen und Veränderungen im subtilen Atem wahr. Beobachte deinen Atem ihn und lerne deine Lebensenergie wahrzunehmen. Du sensibilisierst dein Bewusstsein für deinen energetischen Zustand. Kalibriere dich auf den Grundzustand ein, um die Wirkungsweise verschiedener Pranayama-Meditationstechniken wahrzunehmen und schätzen zu können.

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