Himmel und Hölle im Yogakontext

Himmel und Hölle spielen im Yogakontext eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist es, im Hier und Jetzt zu leben. Doch auch in der Gegenwart können wir die Hölle erfahren. Angst und Stress sind natürliche Triebfedern menschlichen Verhaltens. Das Versprechen auf bessere Zeiten und himmlische Freuden motiviert die Menschen. Kein Wunder, dass das Konzept von Himmel, Hölle und Paradies in vielen Kulturen Einzug gehalten hat.

Himmel und Hölle in den unterschiedlichen Kulturen

Ein Yogameister sagte einmal, dass die Himmel vieler Kulturen immer genügend von den Gütern enthalten, die ihren jeweiligen Mitgliedern fehlen. Die Seligen können im Paradies Nektar und Ambrosia zu sich nehmen, es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließt, man feiert Gelage oder umgibt sich mit vielen schönen Jungfrauen.

Schon die alten Germanen versprachen besonders mutigen Kriegern den Einlass in das Kriegerparadies Walhall. Diejenigen, die einfach in ihren Betten verstarben, kamen in die Obhut der Göttin Hel. Ihre Wohnstätte heißt Helheim. Unschuldige Seelen dürfen sich in Helheim auf ein gemütliches Leben nach dem Tod freuen. Hel ist eine gerechte Göttin. Den einen tritt sie nett und liebenswert gegenüber, den anderen unerbittlich und grausam. In Helheim werden die Sünder und Verbrecher mit ewiger Kälte gestraft und obendrein vom Drachen Nidhöggr gequält.   

Gemälde von Hermann Hendrich

Die Insel der Seligen

Griechische Helden, Fromme und Gerechte zogen ins Elysion ein (Insel der Seligen). Im Elysion entspannen sich die Seligen auf paradiesisch blühenden Wiesen. Es herrscht permanenter Frühling. Ein Nektartrank aus einer Quelle der Lethe ermöglicht ewiges Vergessen aller irdischer Leiden. Schuldige und Verbrecher werden in den Tartaros geworfen. Der Tartaros ist die tiefste Region der Unterwelt. Sie wird von unheimlichen Gestalten bewohnt. Sünder und Gottesfrevler erleiden hier ewige Qualen.  

Bei den Maya bestand die Unterwelt aus neun Stufen. Man nannte sie Xibalbá (Ort der Angst). Xibalbá ist ein Ort der Reinigung nach dem Tode.  Dort  verweilen die Ahnen so lange, bis sie diesen Platz nach bestandenen Prüfungen, Kämpfen und auferlegten Leiden verlassen dürfen. Selbstmörder, Geopferte und Frauen, die im Kindbett starben, steigen direkt zu den Göttern auf.

Image by Chaos07 from Pixabay

Das Paradies ist nach jüdischer, christlicher und islamischer Vorstellung der Ort, an dem die Menschen am Anfang ihrer Existenz gelebt haben. Wegen eines Sündenfalls sind sie daraus verbannt und mit der Existenz auf dieser Erde bestraft worden.  Die Strafe bezog sich auch auf alle Nachfahren der ersten Menschen. Im Christentum existieren je nach Richtung  unterschiedliche Vorstellungen von der Hölle.

Traditionell ist sie eine Stätte ewiger Verdammnis, an den die Seelen der Missetäter  gelangen. Sie steht im Gegensatz zu einem Ort absoluter Glückseligkeit (Paradies, ewiges Leben, Himmel). Das Fegefeuer nimmt als ein Platz der Läuterung eine Zwischenstellung ein.

Himmel und Hölle im Yogakontext: Narakar und Svarga

Narakar ist in den Veden des Hinduismus die Bezeichnung für die Hölle. Es ist eine Stätte der Dunkelheit.  Hier reinigen sich die Seelen der Verstorbenen von ihren Sünden.  Narakar ist jedoch kein dauerhafter Aufenthaltsort für die verbrecherische Seele. Nach Ablauf einer läuternden Bestrafungszeit wird die Seele als Mensch oder als Tier auf der Erde wiedergeboren.

Yama, der Gott des Todes und der Gerechtigkeit, beurteilt die Lebewesen nach dem Tod und weist ihnen die angemessene Strafe zu.  Yama wohnt in Yama Loka.  Sein göttlicher Assistent Chitragupta führt Aufzeichnungen über jede Tat der Seelen. Auf der Grundlage der vollständigen Überprüfung durch Yama und seine Helfer wird die jeweilige Seele entweder in den Himmel (Svarga) oder in die Hölle (Narakar) geschickt. Es gibt verschiedene Stufen des Himmels und der Hölle. Die Hinduhölle befindet sich unter der Erde, sie ist ein Ort der Dunkelheit. In der tiefsten Hölle herrscht die schwärzeste Finsternis.

Narakar

Svarga Loka beschreibt eine Reihe von himmlischen Welten, die sich über dem Berg Meru befinden.  Hier leben die Gerechten wie in einem  Paradies, bevor sie sich wieder inkarnieren. Auch Svarga ist ein vorübergehender Aufenthaltsort.  Erst mit der Erleuchtung und der Vereinigung mit Vishnu lösen sich alle Himmels-, Erden- und Höllenwelten auf.

Oṃ tad viṣṇoḥ paramam padam sadā paśyanti sūrayaḥ – Alle Suren (Gottheiten) blicken auf die Füße von Lord Vishnu als die höchste Wohnstätte.

Wie die Konzepte von Himmel und Hölle genutzt werden

In vielen Kulturen ist die Aussicht auf ein Paradies und die Furcht vor der Hölle die vorherrschende Motivation. Gläubige können zu nützlichen Handlungsweisen angeregt werden. In einigen Koran-Suren des Islam werden Gläubige mit der Aussicht auf paradiesische Freuden angespornt. Gegner, Scheinheilige oder Halbherzige werden vor den furchtbaren Qualen der Hölle gewarnt. Bis heute lassen sich junge Selbstmord-Attentäter und gewaltbereite Kämpfer mit bestimmten Paradieserwartungen locken, ihr Leben aufs Spiel zu setzen.

„Die Hölle“ Gemäldeausschnitt von Coppo di Marcovaldo (* wahrscheinlich in Florenz um 1225; † ca. 1276)

Die katholische Kirche im Mittelalter führte einen regen Ablasshandel. Die Sündenstrafe eines Menschen konnte durch die Zahlung bestimmter Geldbeträge verringert oder ganz getilgt werden. Man konnte auch im Nachhinein für bereits Verstorbene Sündenablässe erwirken. Für die Germanen war die Tapferkeit der Krieger ein wichtiger Wert.

Also versprach man den aufopferungsvollen Kriegern ein bevorzugtes Leben in Walhall.  Walhall  war  eine überaus prunkvoll gestaltete Halle, deren Dach aus auf Speeren ruhenden Schilden bestand. Odin selbst empfing die gefallenen Helden freudig und mit offenen Armen.   Kampfspiele und üppige Gelage fanden in Walhall statt, es wurde Bier und Met gereicht. Es gab immer genug zu essen.

Fazit

Viele Yogis kennen die Begriffe Seva (selbstloses Dienen) und Karmayoga (Tätigkeiten, um das eigene Karma zu verbessern). Der Sinn ist: Wenn man uneigennützig dient, dann unterstützt dieses Tun den Weg zur Erleuchtung. Jeder Mensch hat demnach sein eigenes Dharma (einerseits kosmisches, andererseits soziales Gesetz), das es zu erfüllen gilt.

Die Erfüllung ist ausschlaggebend dafür, ob Taten gutes oder schlechtes Karma bewirken. Seva- und Karmayoga-Tätigkeiten werden immer wieder von selbsternannten Meistern eingefordert. Sie dienen diesen narzisstischen Autoritäten oftmals dazu, das Leben angenehmer zu gestalten und eigene Ziele zu verwirklichen. Yogis sollten Seva und Karmayoga immer freiwillig und nicht aus einem moralischen Zwang heraus ausüben.

Fakt ist: Wenn sich das Hier und Jetzt wie eine Hölle anfühlt, dann erhofft man für sich einen Ort, an dem alles Sein sich fantastisch anfühlt.  Wenn man Ungerechtigkeit und Verletzung erfährt, dann wünscht man sich die Täter ins Fegefeuer. Die Vorstellung von Himmel und Hölle kann so manchen über triste Zeiten hinwegtrösten.

Meistens können wir uns nicht vor den eigenen Emotionen retten. Wenn wir uns nicht von den eigenen Emotionen freimachen können, dann können wir unsere Intuition nicht nutzen. Daher sind wir uns nicht über unser Morgen im Klaren.

Nur aus diesem Grunde benötigen wir eine Führung, ansonsten gibt es für den Menschen keinen Grund für Unterweisungen. Der gemeinsame Nenner ist: Es gibt keinen Himmel und es gibt keine Hölle, es gibt keine Schuld und es gibt keinen Kokolores. Alles, was du machen musst, ist vernünftig zu sein. Wem gegenüber? Dir selbst gegenüber.

~ Yogi Bhajan

Die Weisheit ist in dir

Vor langer Zeit überlegten die Götter, dass es schlecht wäre, wenn die Menschen die Weisheit des Universums finden würden, bevor sie reif genug dafür wären. Also entschieden die Götter, die Weisheit des Universums an einem unzugänglichen Ort zu verbergen. Einer der Götter schlug vor, die Weisheit auf dem höchsten Berg der Erde zu vergraben. Aber schnell erkannten die Götter, dass der Mensch bald alle Berge erklimmen würde und die Weisheit dort nicht sicher gut genug versteckt wäre. Ein anderer schlug vor, die Weisheit tief im Meer zu versenken.

Aber auch dort sahen die Götter die Gefahr, dass die Menschen die Weisheit zu früh finden würden. Dann äußerte der weiseste aller Götter seinen Vorschlag: „Ich weiß, was zu tun ist. Lasst uns die Weisheit des Universums im Menschen selbst verstecken. Er wird sie dort erst dann finden, wenn er reif genug ist, denn er muss dazu den Weg in sein Inneres gehen.“ Die anderen Götter waren von diesem Vorschlag begeistert und so versteckten sie die Weisheit des Universums im Menschen selbst. ~ Anonymous

Gern vertrösten wir Menschen uns auf ein besseres Leben. Wichtig ist es, im Hier und Jetzt zu leben, das Leben zu genießen, Lernprozesse zu erfahren, die eigene Aufgabe zu finden und umzusetzen. Alles, was du brauchst, ist in dir. Auch die Hölle können wir im Diesseits erfahren. Und uns daraus befreien! Genieße dein Leben …

Stell dir vor, es würde kein Himmelreich geben. Es ist ganz leicht, wenn du es versuchst. Keine Hölle unter uns und über uns nur den Himmel. Stelle dir all die Menschen vor, die im Hier und Jetzt leben…

Imagine there’s no heaven, it’s easy if you try, no hell below us, above us only sky, imagine all the people, living for today … ~ John Lennon

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