Kundalini Yoga und die Erinnerung an das Menschsein

Kundalini Yoga und das Menschsein

„Kundalini Yoga und das Menschsein“ will den Menschen mit innerer Wahrheit in Berührung bringen. Wir leben in einer Zeit, in der beinahe alles verbessert werden soll. Unser Körper soll leistungsfähiger werden, unsere Ernährung gesünder, unser Schlaf effizienter, unser Geist konzentrierter und unsere Arbeit produktiver. Selbst dort, wo Menschen einst nach Frieden, Sinn und innerer Freiheit gesucht haben, hat sich zunehmend die Idee eingeschlichen, man müsse ständig an sich arbeiten, sich weiterentwickeln und die beste Version seiner selbst erschaffen. Auch die spirituelle Welt ist von diesem Denken nicht verschont geblieben.

Manchmal scheint es, als sei Yoga zu einem weiteren Optimierungsprogramm geworden. Man meditiert, um leistungsfähiger zu sein. Man praktiziert Atemübungen, um erfolgreicher zu werden und man achtet auf jede Kleinigkeit seines Lebensstils, um möglichst gesund, bewusst und ausgeglichen zu erscheinen. Natürlich ist daran nichts grundsätzlich falsch. Ein gesunder Körper und ein klarer Geist sind wertvolle Geschenke. Doch manchmal drängt sich die Frage auf, ob wir unterwegs etwas Wesentliches vergessen haben.

Die alten Yogis waren nicht auf der Suche nach dem perfekten Menschen

Bild: © Midjourney

Die alten Yogis wollten keinen makellosen Lebensstil erschaffen und keine Gemeinschaft von Menschen hervorbringen, die alles richtig macht. Sie beschäftigten sich mit einer viel tieferen Frage: Wer bin ich wirklich, wenn all die Rollen, Ängste, Wünsche, Bewertungen und Vorstellungen über mich selbst wegfallen?

Im Kundalini Yoga geht es im Kern nicht darum, jemand anderes zu werden. Es geht darum, sich an das zu erinnern, was man immer schon war. Die Verbindung mit der Seele, mit dem göttlichen Bewusstsein, mit jener schöpferischen Kraft, die das Leben durchdringt, ist kein Ziel, das irgendwann erreicht werden muss. Sie ist eine Wirklichkeit, die oft nur von den Gedanken und Sorgen des Alltags verdeckt wird.

Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, den Menschen wie eine Maschine zu betrachten

Kundalini Yoga und die Erinnerung an das Menschsein
Bild: © Midjourney

Wenn eine Maschine nicht schnell genug arbeitet, wird sie verbessert und wenn sie Fehler macht, wird sie optimiert und wenn sie veraltet ist, wird sie ersetzt. Dieses Denken hat uns zweifellos enorme technische Fortschritte gebracht, doch es verändert auch unseren Blick auf uns selbst. Plötzlich erscheint das Menschliche als etwas, das korrigiert werden muss. Die Zerstreutheit des Geistes, die Traurigkeit nach einem Verlust, die Unsicherheit vor einer wichtigen Entscheidung, das Altern des Körpers oder die Begrenztheit unseres Wissens – all das wird zunehmend als Mangel betrachtet.

Doch vielleicht sind genau diese Erfahrungen keine Fehler des Menschseins, sondern Bestandteile seiner Tiefe. Wer nie gezweifelt hat, wird kaum Demut entwickeln. Wer nie gescheitert ist, wird Mitgefühl oft nur als Idee kennen. Wenn man niemals an seine Grenzen gelangt, wird man die Bedeutung von Vertrauen kaum verstehen. Viele Eigenschaften, die wir an weisen Menschen bewundern, entstehen nicht durch Stärke, Kontrolle oder Perfektion, sondern durch die Begegnung mit der eigenen Verletzlichkeit. Vielleicht besteht die eigentliche Reife des Menschen deshalb nicht darin, seine Grenzen zu überwinden, sondern darin, ihnen mit Bewusstheit zu begegnen und darin etwas zu entdecken, das tiefer ist als jede Form von Optimierung.

Das bedeutet nicht, dass Menschen keine Fehler haben

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Menschsein bedeutet, widersprüchlich zu sein. Wir haben Ängste, wir zweifeln, wir treffen schlechte Entscheidungen, wir verletzen andere Menschen und manchmal auch uns selbst. Wir sind nicht vollkommen. Doch genau darin liegt etwas Kostbares. Der Mensch ist kein technisches Projekt, das irgendwann fertiggestellt werden muss. Er ist ein lebendiges Wesen auf einer Reise der Bewusstwerdung.

Vielleicht liegt hier sogar einer der größten Irrtümer unserer Zeit. Wir haben begonnen zu glauben, dass Bewusstsein aus Information besteht und dass Weisheit eine Frage ausreichender Daten sei. Doch ein Mensch wird nicht weise, weil er mehr Informationen besitzt. Er wird weise, weil er gelernt hat zu lieben, zu vergeben, zu verlieren, zu scheitern, wieder aufzustehen und trotz aller Verletzlichkeit sein Herz nicht zu verschließen. Keine Maschine der Welt kann diese Erfahrungen für uns machen.

Gerade deshalb lohnt es sich, die Entwicklungen unserer Zeit aufmerksam zu betrachten. Derzeit wird viel über Technologien gesprochen, die eine direkte Verbindung zwischen menschlichem Gehirn und Computern herstellen sollen. Die öffentliche Akzeptanz für solche Entwicklungen entsteht häufig durch Anwendungen, die Mitgefühl hervorrufen. Menschen mit schweren Erkrankungen sollen neue Möglichkeiten erhalten, mit ihrer Umwelt zu kommunizieren oder verlorene Fähigkeiten teilweise zurückzugewinnen. Kaum jemand würde sich wünschen, dass solchen Menschen Hilfe verwehrt bleibt.

Vielleicht ist es gerade unsere Verletzlichkeit, die uns menschlich macht.

Bild: © Midjourney

Und doch bleibt eine wichtige Frage bestehen. Was geschieht, wenn die Akzeptanz, die aus menschlichem Mitgefühl entsteht, später genutzt wird, um weitreichendere Ziele zu verfolgen? Was geschieht, wenn aus einer Technologie, die ursprünglich Leid lindern soll, ein Markt entsteht, auf dem es plötzlich um Leistungssteigerung, Datensammlung, Kontrolle und die technische Erweiterung des Menschen geht? Die eigentliche Frage lautet nämlich nicht, was technisch möglich ist. Die Menschheit hat immer wieder Dinge erschaffen, die zuvor unmöglich erschienen. Daher lautet die entscheidende Frage vielmehr: Sollte alles, was möglich ist, auch verwirklicht werden?

Unsere Kultur scheint zunehmend davon auszugehen, dass jede Grenze überwunden werden müsse. Altern gilt als Problem. Krankheit gilt als Versagen. Abhängigkeit gilt als Schwäche. Selbst der Tod wird von manchen Visionären der Technikwelt inzwischen als technisches Hindernis betrachtet, das irgendwann beseitigt werden könne. Dahinter verbirgt sich eine Vorstellung vom Menschen, die den alten spirituellen Traditionen fremd gewesen wäre. Dort galt die Begrenztheit des Menschen nicht als Makel, sondern als Lehrmeister.

Vielleicht ist es gerade unsere Verletzlichkeit, die uns menschlich macht. Vielleicht entsteht Mitgefühl überhaupt erst deshalb, weil wir alle verwundbar sind. Und entsteht Weisheit nicht trotz unserer Begrenzungen, sondern durch sie?

Die großen Yogis suchten nicht nach Unsterblichkeit des Körpers

Bild: Midjourney

Diese Weisen suchten nach der Erfahrung dessen, was jenseits von Geburt und Tod existiert. Sie suchten nicht nach einem perfektionierten Menschen, sondern nach dem Bewusstsein, das hinter allen Formen lebt. Während unsere Zeit fragt, wie der Mensch verbessert werden kann, fragten sie, wer der Mensch überhaupt ist.

Genau an diesem Punkt beginnt eine stille Revolution. Denn wer die Erfahrung macht, dass sein Wesen tiefer reicht als seine Gedanken, seine Erfolge, seine Gesundheit oder seine gesellschaftliche Rolle, wird schwerer manipulierbar. Ein Mensch, der seinen inneren Wert kennt, lässt sich nicht so leicht einreden, er müsse ständig optimiert werden. Er wird beginnen zu fragen, wem diese ständige Unzufriedenheit eigentlich nützt.

Vielleicht liegt darin der eigentliche Konflikt unserer Zeit. Nicht zwischen Technik und Spiritualität. Sondern zwischen zwei völlig unterschiedlichen Vorstellungen vom Menschsein. Die eine sagt: Du bist unvollständig und musst verbessert werden. Die andere sagt: Du hast vergessen, wer du bist.

Kundalini Yoga steht seit jeher auf der Seite des Erinnerns

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Es erinnert daran, dass hinter allen Ängsten, allen Rollen und allen Narrativen über uns selbst etwas Unversehrtes existiert. Etwas, das weder gekauft noch verkauft werden kann. Etwas, das nicht vermessen, digitalisiert oder optimiert werden muss. Und vielleicht besteht wahre spirituelle Reife nicht darin, immer außergewöhnlicher zu werden. Vielleicht besteht sie darin, immer menschlicher zu werden – weicher, wahrhaftiger, mitfühlender und mutiger zu handeln. Nicht schneller, größer und weiter als andere Menschen zu sein, sondern tiefer mit ihnen verbunden.

Denn am Ende unseres Lebens wird vermutlich nicht entscheidend sein, wie effizient wir waren, wie viele Daten wir gesammelt oder wie perfekt wir unseren Körper verwaltet haben. Entscheidend wird vielleicht sein, ob wir gelernt haben zu lieben, ob wir gelernt haben zu vertrauen und ob wir den Mut hatten, ganz Mensch zu sein.

Eine kleine Atemübung zum Abschluss

Bild: Lotus-Pose im Studio praktiziert by Shutterstock

Setze dich für einige Minuten bequem hin. Schließe sanft die Augen und richte die Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Atme langsam durch die Nase ein und zähle dabei innerlich bis vier. Halte den Atem für einen Moment ganz entspannt an. Atme anschließend ebenso langsam bis vier wieder aus.Mit jeder Einatmung denke: Sat (Wahrheit). Mit jeder Ausatmung denke: Nam (Identität). Fahre für einige Minuten mit dieser Atemübung fort. Du bist Wahrheit und manchmal beginnt Spiritualität genau dort.

Quellen:

„Brain-Computer Interface (BCI) Companies: Mental Privacy is Doomed“ von Dr. Robert W. Malone

Die Weisheit des Guru Nanak

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