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Ein klarer Geist ist wie ein stiller See

Ein klarer Geist ist wie ein stiller See – nur wenn die Oberfläche nicht von äußeren Reizen aufgewühlt wird, kann sich das wahre Selbst in dem Wasser spiegeln. Menschen lieben Geschichten. Sie erzählen, hören zu, und lassen sich gern von Narrativen berühren oder mitreißen. Erzählungen formen unser Denken, beeinflussen unsere Gefühle und steuern letztlich unser Verhalten. In früheren Zeiten, als Wissen mündlich weitergegeben wurde, waren Geschichten die zentrale Informationsquelle. Sie halfen, Orientierung zu finden – in der Gemeinschaft wie im Leben. Doch heute ist es nicht mehr das Lagerfeuer, das uns vereint, sondern ein globales Netz aus Nachrichten, sozialen Medien und Meinungsmachern, das uns eher spaltet als verbindet.

So kann der Mensch leicht seine Mitte verlieren. Der Geist wird verwirrt – überreizt, überfüllt, überfordert. Die Frage stellt sich: Wie kann ein klarer, wacher Geist überhaupt noch existieren inmitten dieser Informationsflut?

Der yogische Weg bietet einen Ausstieg aus diesem Dilemma. Er lehrt: Der Geist ist nicht per se unklar, sondern durch Maya verhüllt. Maya – ein zentraler Begriff in der vedischen Philosophie – bezeichnet die Illusion, die Welt sei so, wie sie uns erscheint. Maya lässt uns das Vergängliche für ewig, das Getrennte für unabhängig und das temporäre Ich für wirklich halten. Sie ist die Kraft, durch die wir unsere wahre Natur vergessen.

Ein klarer Geist entsteht dann, wenn Maya durchdrungen wird. Dies geschieht nicht durch intellektuelle Erkenntnis allein, sondern durch direkte Erfahrung – durch Stille, durch Konzentration, durch das Gewahrsein des Selbst.

Welche Übungen helfen, den Geist zu klären?

Meditation in der Sonne in Gebetshaltung, klarer Geist
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  1. Atembeobachtung (Pranayama)
    Der Atem ist der Schlüssel zur Klarheit. Eine einfache Übung ist Sitali Pranayama – der kühlende Atem. Du sitzt aufrecht und rollst die Zunge. Atme durch den Mund ein und langsam durch die Nase aus. Wenn du die Zunge nicht rollen kannst, lege die Zungenspitze an die untere Zahnreihe und atme durch die gespitzten Lippen ein. Diese Technik beruhigt das Nervensystem, reduziert die Hitze im Geist und hilft, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen. Beginne mit drei bis zehn Minuten.
  2. Meditation auf das Dritte Auge (Ajna-Chakra)
    Setze dich still hin, schließe die Augen und bringe die Aufmerksamkeit auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Bleibe dort mit deinem inneren Blick. Wenn Gedanken kommen, lass sie weiterziehen wie Wolken am Himmel. Diese Praxis führt zur Zentrierung und zur Wahrnehmung des inneren Raums jenseits der Gedanken. Außerdem wird das Frontalhirn gestärkt, sodass du gut Entscheidungen treffen kannst. Beginne mit drei bis zehn Minuten.
  3. Tratakam – Kerzenmeditation
    Eine uralte Technik, bei der man auf die Flamme einer Kerze starrt, ohne zu blinzeln. Tränen reinigen die Augen, die Konzentration vertieft sich, der Geist wird ruhig und klar. Dies kann helfen, die inneren Bilder von äußeren Bildern zu unterscheiden. Beginne mit drei bis zehn Minuten.
  4. Wahrhaftigkeit im Alltag (Satya)
    Ehrlich mit sich selbst zu sein, bewusst zu konsumieren (nicht nur Nahrung, sondern auch Informationen), fördert geistige Gesundheit.

Ein klarer Geist ist wie ein stiller See: Nur wenn die Oberfläche ruhig ist, kann man den Grund erkennen. Maya ist der Wind, der die Oberfläche aufwühlt. Yoga ist ein Weg, der die Winde beruhigen kann – durch Atem, durch Achtsamkeit, durch gelebte Wahrheit.

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