Yoga und die Logik der Depression

‚Yoga und die Logik der Depression‘ ist ein wichtiger Beitrag für Yogalehrer und Yogapraktizierende, weil jeder 5. Bundesbürger ein Mal im Leben an einer Depression erkrankt. Derzeit leiden insgesamt ca. 4 Millionen Menschen in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Yoga und Meditation gehören zu den Tätigkeiten, die eine Behandlung begleiten und nach Linderung der Symptome praktiziert werden können. Daher ist es wahrscheinlich, dass ehemalige Patienten oder Personen, die an einer Depression zu erkranken drohen, an Yogakursen teilnehmen. Das Wissen um Yoga und die Logik der Depression kann helfen, präventiv und begleitend mit Schülern, Angehörigen und mit sich selbst umzugehen.

Eine Depression kann jeden treffen. Yogi Bhajan hat schon in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts vorausgesagt, dass Depression zu einer der größten Geißeln der Menschheit werden würde. Diese Voraussage wurde sehr eindrücklich durch eine weltweit durchgeführte Studie der WHO („Global burden of disease“) bestätigt. Depressive Störungen gehören zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere, am meisten unterschätzten Erkrankungen. Hochrechnungen haben zudem eine in den nächsten Jahren weiter zunehmende Bedeutung der Depression ergeben.

„Im Wassermannzeitalter werden Depressionen und andere Auswirkungen von Stress die Menschen zerreißen, die kein fachliches Wissen um das Selbst besitzen.“

Yogi Bhajan

Yoga und die Logik der Depression: Rheingold-Studie

Foto: © Hartwig HKD, Die Introvertierte, flickr.com

In einer Studie des Rheingold Instituts im Auftrag des Naturmedizinherstellers Pascoe gingen Psychologen der Frage auf den Grund, was in Depressiven wirklich vorgeht – und wie Angehörige, Mediziner und Pharmazeuten besser auf sie reagieren können. Dazu befragten sie 40 Patienten im Alter von 20 bis 60 Jahren, die an depressiven Verstimmungen oder Depressionen litten. In zweistündigen Tiefeninterviews wurden sie befragt, wie sie ihre Krankheit empfinden. Außerdem interviewten die Psychologen 22 Ärzte, zehn Apotheker und acht Pharmazeutisch-technische Assistenten dazu, was ihnen im Umgang mit Depressiven schwerfällt. Hier die Ergebnisse der Studie.

Die sechs Stufen der inneren Depressions-Logik

Die Psychologen konnten zahlreiche Gemeinsamkeiten der Erkrankten ausmachen und haben alle Übereinstimmungen in einer inneren Psycho-Logik mit sechs charakteristischen Zügen zusammengefasst. Diese Logik kann (in Abgrenzung zu genetischen oder medizinisch-chemischen Betrachtungen zum Verständnis der Depression herangezogen werden.) Daraus können sich zum Beispiel Handlungsempfehlungen für Yogalehrer ergeben

1. Hohe Ansprüche an sich und das Leben

Alle Befragten stellten extrem hohe Ansprüche an sich selbst, an ihr privates und berufliches Leben. Beispiel: Eine Frau, die eine perfekte Karriere starten und gleichzeitig eine vollkommene Mutter und Geliebte sein will. Das Lebensideal dieser Personen ist die Erfüllung aller Ansprüche, die an sie sich selbst und das Leben hat. Der Wille zur Perfektion treibt diese Menschen in die seelische Erschöpfung.

2. Wunsch und Wirklichkeit driften auseinander

Dass Anspruch und Wirklichkeit zwei verschiedene Paar Schuhe sein können, das erleben alle mal: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“ ~ John Lennon. Depressive Patienten werden von dieser Widersprüchlichkeit jedoch aus der Bahn geworfen. Beispiel: Die Person hat den Wunsch nach einem romantischen Dinner zu zweit, sie kocht, die Suppe schmeckt verbrannt, die Welt geht unter, alles war vergebens. Klappt eine kleine Sache nicht, haben Depressive das Gefühl, dass sie gar nichts hinkriegen und sie verlieren den Boden unter den Füßen.

3. Stilllegung und Rückzug aus dem Alltag

Normalerweise setzen Menschen sich aktiv und prozesshaft mit nicht erreichten Ansprüchen auseinander. Menschen werden wütend oder traurig, sie verzeihen sich ihre eigenen Fehler und akzeptieren die Tatsachen. Menschen mit Depressionen können das nicht. Die Wissenschaftler sagen aus, dass Betroffene sich wie stillgelegt fühlten. Ihnen sei es quasi unmöglich zu trauern, das bedeutet, sich im Kleinen so wie im Großen (Abschied von Wünschen, Vorstellungen, Mitmenschen und den eigenen Ansprüchen) nicht der Wirklichkeit anpassen zu können. Die unendliche Traurigkeit der Depression sei paradoxerweise in der Unfähigkeit zu trauern begründet, schreiben die Forscher.

„Wir sehen den Wahnsinn um uns herum und machen uns Sorgen. Es braucht schon eine gehörige Portion an Unvernunft, um dem Ganzen einen Sinn zu geben. Um das Leben zu verstehen, braucht es viele Tode. Um das Glück zu verstehen, benötigt es eine Menge Leid. Ein Bukett besteht aus sehr vielen Blumen. Sogar ein Unfall, ein Störfall, eine Erschütterung, Menschen und Persönlichkeiten sind nichts anderes als ein Teil dieser Fassade, die wir ‚Welt‘ nennen.

Menschen wollen oft nur von einer Krise in die nächste Krise gehen, wie Affen, die von Baum zu Baum springen. Merkst du nicht, dass das sehr schmerzhaft ist? Hier erweist sich das Yoga als ausgesprochen nützlich. Yoga sagt: „Vereine dich in dir mit deinem höheren Selbst und baue eine Freundschaft zu ihm auf. Meditiere, um den Müll fortzuschaffen, sodass du durch dein Unterbewusstsein hindurch dein höchstes Bewusstsein wahrnehmen kannst.“

Yogi Bhajan, Auszug aus einer Lecture vom 17. 05. 1990

4. Alles wird gleich wichtig oder unwichtig

©theilr, Treppe, flickr.com

Betroffene können nicht mehr bestimmen, in welcher Reihenfolge Aufgaben zuerst erledigt werden müssen, denn alle Aufgaben und Reize des Alltags haben die gleiche Gültigkeit. Das lässt sie selbst vor leichten Alltagsaufgaben kapitulieren. Beispiel: „Eine wichtiger Arbeitstermin liegt an, ein Geschenk für die Großmutter muss besorgt werden und der Abwasch ist noch nicht erledigt. Betroffene könnten nicht mehr festlegen, was wichtige und was unwichtige Aufgaben sind und welcher der Aufgaben man vielleicht gar nicht erledigt. Die Welt besteht aus einem riesigen Berg von unerledigten Aufgaben.

„Wenn du ein Problem hast und du deinen Spirit, dein Bewusstsein und deine Seele als Prüfsteine einsetzt, dann wird es dich überraschen, wie leicht du dieses Problem lösen kannst. Aber wenn du ein Problem nur aus dem Blickwinkel des Egos heraus betrachtest, dann wird es dir nicht nur Verwirrung, sondern auch Zerstörung bringen.“
~ Yogi Bhajan

5. Im eigenen Hamsterrad gefangen

Ein Zeichen von einer Depressionserkrankung ist Lethargie bzw. Stillstand. Doch dieser Stillstand ist nur äußerlich. Innerlich läuft eine Gedankenmaschine, in der die Erkrankten wie in einem Hamsterrad gefangen sind. Dieses Rad dreht sich unablässig, die Gedanken kreisen nur noch um die eigenen Probleme, das Scheitern, das Nicht-Weiterkommen. Die Psychologen nennen das „Eine gigantische Selbstintensivierung“. Depressive sehen nur noch sich und ihr eigenes Elend und die Welt wird ausgeblendet. Die innere Getriebenheit in diese Abwärtsspirale raubt den Betroffenen den Schlaf, trotz ständigen Grübelns kommen sie nicht weiter.

Meditationsübung

„Ein Lama erzählte einmal in einem Seminar folgende Analogie: Der Geisteszustand eines Menschen, der meditiert, sollte wie der Seelenhaushalt eines Hotelportiers sein. Ein Pförtner lässt die Gäste ein, aber er folgt ihnen nicht aufs Zimmer. Er lässt sie auch wieder hinaus, geht mit ihnen aber nicht zu ihrer nächsten Verabredung. Er grüßt alle Menschen und lässt sie dann los. In ihren Anfangsphasen ist die Meditation genau so: Der Übende gewöhnt sich daran, die Gedanken kommen und wieder gehen zu lassen.“ ~Marc Barasch

6. Resignation und Aufrechterhaltung der Depression

Die Lebenskraft der Betroffenen wird nicht in eine wirkliche Veränderung hineingesteckt, sondern die Lebensumstände werden resigniert als unveränderlich angesehen. Nichts könnte sie wandeln. Das ist auch der Grund, weshalb es manchmal Jahre dauert, bis sich Betroffene echte Hilfe suchen.

Bis dahin behandelten sie nur ihre Symptome, etwa durch das Einnehmen von Schlaf- oder Beruhigungsmitteln oder durch berufliche oder sportliche Spitzenleistungen und Geschäftigkeit, um die innere Unruhe zu dämpfen.

Was hilft wirklich?

Ein an einer Depression erkrankter Mensch benötigt viel Geduld. Man sollte den Hinweisen daher mit Achtsamkeit, Einfühlungsvermögen und Zartgefühl nachkommen und immer wieder überprüfen, ob eine Verhaltensweise angebracht ist.
Was den Erkrankten hilft, eignet sich ebenso zur Prävention einer Depression. Wenn man die Empfehlungen in der eigenen Lebensführung beherzigt, dann kann man diesem Leiden vorbeugen. YogalehrerInnen können in ihren Kursen immer wieder darauf hinweisen, dass zum Beispiel Pausen im Alltag oder die Dankbarkeit für die kleinen Momente des Lebens et cetera gesundheitsfördernd wirken.

Sieben Tipps für Begleiter, Angehörige und Freunde

1. Motiviere den / Betroffene(n), Pausen zu machen.

Ein häufiger Grund für Depressionen kann ein hektischer Alltag sein. Das Nervensystem ist geschwächt, Probleme werden ausgeblendet und tauchen an anderer Stelle möglicherweise in grotesker Vergrößerung wieder auf. In den Alltag eingebaute Momente der Ruhe, der Besinnung und der Selbstreflexion geben Raum zum Auftanken. Hilfreich sind ausgedehnte Pausen, freie Tage und Momente des Nichtstuns.


„Statt zu sagen: Sitz nicht einfach nur da – tu irgendetwas, sollten wir das Gegenteil fordern: Tu nicht einfach irgendetwas – sitz nur da.“

Thich Nhat Hanh

2. Nimm dem Betroffenen den Druck, perfekt sein zu müssen

Es ist sehr wichtig, Betroffene in ihrem Leiden ernstzunehmen. Gleichzeitig kann man vielleicht helfen, zu große Ansprüche herunterzuschrauben. Betroffenen kann vermittelt werden, dass die Akzeptanz und Anerkennung anderer nicht von der Erfüllung selbstgesteckter Ziele abhängig ist.
„Niemand kann dir ohne deine Zustimmung das Gefühl geben, minderwertig zu sein.“ ~ Eleanor Roosevelt

3. Hilf dem Erkrankten, gefühlte Niederlagen anders zu kanalisieren

Hilf dem Betroffenen, einen anderen Umgang mit erlebten Niederlagen zu entwickeln. Ermutige ihn, sich aktiv zu wehren oder Verluste und Niederlagen nicht einfach hinzunehmen, sondern zu betrauern. Überlegt gemeinsam, ob Probleme eingeschränkt werden können: Ist das Erlebte wirklich so schlimm? Geht es anderen nicht genau so? Relativierungen helfen, den Gedanken „Ich krieg wieder alles ab!“ aus dem Kopf zu kriegen.
„Der größte Ruhm im Leben liegt nicht darin, nie zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.“ ~ Nelson Mandela

4. Öffne den Blick für kleine Momente

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Für Außenstehende ist es häufig belastend, wenn Depressive nur um sich selbst kreisen. Hilfreich sei es, sich empathisch mit dem Betroffenen mitzudrehen, raten die Wissenschaftler, ihm aber auch dabei zu helfen, den Blick für anderes zu öffnen. Zeige ihm, was in seinem Leben alles schön ist. Die Depression sorgt dafür, dass gewisse Teile ausgeblendet sind. Sorge behutsam dafür, dass erfreuliche Momente wieder wahrgenommen werden.

„Am Regenbogen muss man nicht Wäsche aufhängen wollen.“

Friedrich Hebbel

5. Vereinbare kleine Schritte

Der Anspruch, schnell gesund zu werden, erzeugt häufig neue Einschränkungserlebnisse. Erwarte nicht gleich das große Ding. Ein Spaziergang oder ein gemeinsamer Besuch einer Veranstaltung können schon erste kleine Schritte sein. Dinge, die für gesunde Menschen selbstverständlich erscheinen, sind große Aufgaben für die Betroffenen. Habe Geduld und vereinbare kleine Schritte, die zu einer Behandlungsperspektive führen.
„Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen.
Gib mir nicht das, was ich mir wünsche, sondern das, was ich brauche.
Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.“ ~Antoine de Saint-Exupéry

6. Brich das „Alles-oder-Nichts“-Prinzip auf

Was ist wirklich wichtig, was nicht? Damit der Betroffene den gefühlten Berg an unbezwingbaren Aufgaben aus dem Weg räumen kann, braucht er Hilfe bei der Priorisierung. Hilf ihm zu überlegen, von welchen Aufgaben oder Ansprüchen er sich kurz- und langfristig verabschieden kann und will. Es gilt, das „Alles-oder-Nichts“ Prinzip aus seinem Kopf zu kriegen.
„Alles oder nichts? Alles ist nichts, nichts ist nicht Alles!“ ~Friedrich Löchner

7. Entwicklung ist ohne Scheitern nicht möglich

Es mag abgeleiert klingen, aber in jeder Krise steckt eine Chance. Nach einer schweren Trennung bleibt die Erkenntnis, dass dieser Typ Mann nichts für einen ist. Kauft man aus Versehen einen verschimmelten Joghurt, lernt man daraus, beim nächsten Mal auf das Haltbarkeitsdatum zu schauen. Für die Betroffenen ist es wichtig zu erkennen, dass jede erlebte Beschränkung eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung bietet, während Perfektion sie nur in die Erschöpfung treibt. Nur mit der „Erlaubnis“, auch mal scheitern zu dürfen, können sie wieder Aufgaben übernehmen, ohne Angst vor der Verantwortung haben zu müssen.


„Wie oft sind es erst die Ruinen, die den Blick freigegeben auf den Himmel.“

Viktor Frankl

Jim Carrey leidet unter Depressionen – sein Mittel gegen diese
schwere Erkrankung sind Spiritualität und der weitgehende Verzicht auf Drogen.

Erkenntnisse eines Erkrankten

Meine Seele ist nicht in meinem Körper enthalten,
sondern mein Körper ist ein Teil der Grenzenlosigkeit meiner Seele.
Alles, was von dir bleibt, ist das, was in deinem Herzen war.
In jedem von uns ist eine Stille, die so ausgedehnt ist wie das Universum und wenn wir diese Stille erfahren, dann wissen wir, wer wir sind.

Wir sind nicht die Avatare, die wir kreieren, sondern wir sind das Licht, das durch uns hindurchscheint. Unsere Augen sind nicht nur Beobachter, sondern sie projizieren unseren inneren Film.
Ängste spielen eine Rolle im Leben, aber du kannst entscheiden, wie sehr. Wir machen uns Sorgen um die Zukunft, aber das, was wirklich zählt, ist das, was in diesem Moment geschieht.

Du darfst das Universum um das bitten, was du dir wirklich wünschst.

Keine Religion, aber der Glauben und das Vertrauen, keine Hoffnung, aber der Glauben, der wird dich unterstützen. Du bist fähig und bereit, wunderschöne Dinge auf dieser Welt zu machen. Du hast immer nur diese Wahl: Liebe oder Angst.

Wähle die Liebe und lasse die Furcht sich niemals gegen dein verspieltes Herz wenden.

~ Jim Carrey

Jim Carreys Botschaft:

Quelle:  ‚Wie depressive Menschen denken‘  von Mirja Hammer, Stern Online

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