Liebe und Tod liegen dicht beieinander – East meets West, Teil 3

Mache dir bewusst, dass tiefe Liebe und große Erfolge immer auch große Risiken beinhalten.
~ Dalai Lama

Dies ist der dritte Teil eines Gesprächs mit dem englischen Musikduo Qi–Rattan, das wir beim Deutschen Kundalini Yoga Festival in Oberlethe führten. Vom Anfang bis zum Ende unserer Gesprächszeit waren wir fasziniert und berührt von den Schilderungen des Lebens und des Werdeganges dieses Paares. Wir fanden Amritpal Singhs und Jagdeep Kaurs Erzählungen und Einsichten von A bis Z fesselnd! Wir haben das umfangreiche Gesprächsmaterial in vier Abschnitte geteilt und präsentieren es euch als Serie mit dem Titel „East meets West“.
„East meets West“, das ist letztendlich nicht nur Lebensrealität des Duos Qi-Rattan, denn die beiden Engländer haben noch tiefe indische Wurzeln. Indische Einflüsse  wirken in das Leben einer jeden Kundalini Yogini und eines jeden Kundalini Yogis hinein. Ob sie oder er die Kundalini Yoga Übungen, die Meditationen beziehungsweise Mantren praktiziert, die Yogalehrerausbildung absolviert, regelmäßig nach Indien reist oder weil vielleicht sogar ein Kind die Miri Piri Academy in Amritsar/Indien besucht. Diesmal geht es um die Liebe und den Tod. Jagdeep Kaur überlebte einen Crash mit einem Flugzeug und das veränderte ihr Leben.
East meets West Teil 1
East meets West Teil 2

 

Amritpal Singh und Jagdeep Kaur – wie habt ihr euch kennengelernt?

© Qi Rattan

© Qi Rattan

Jagdeep Kaur: Jeden Morgen um 05:00 Uhr fand in der Gurdwara ein meditatives Singen statt, an dem ich teilnahm. Eine Stunde lang chanteten wir „Wahe Guru“ oder „Wahe Guru Sat Nam“. Es gab nur wenig Licht in der Gurdwara, lediglich der Sri Guru Granth Sahib war beleuchtet. Wir sangen und sangen. Unsere Augen waren geschlossen. Wir gingen nach innen, wir zentrierten uns, um eins mit der Schwingung zu werden. Nachdem ich schon längere Zeit morgens dabei war, dachte ich: „Ich möchte das Singen auch mal leiten. Es ist dunkel, niemand guckt und es wird schon alles gut gehen!“ Die Person, die das Chanten leitete, saß nicht auf einer Bühne. Alle Teilnehmer hatten entweder die Augen geschlossen oder blickten den Guru an. Ich dachte: „Ich will es so gerne versuchen.“ Ich begann heimlich mit dem Harmonium zu üben. Ich überlegte mir eine Melodie, es war ein recht langsamer Prozess. Ich dachte: „ Vielleicht bin ich eines Tages bereit.“ Meine Schwester fragte mich: „Möchtest du vielleicht das Morgensingen leiten?“ Es kostete mich einige Überwindung Ja zu sagen, denn ich hatte Angst. Ich leitete das Singen tatsächlich einmal an und wurde darum gebeten, es wieder zu machen. Einige der Zuhörer hatten einen Plan, von dem ich nichts wusste. Sie machten nämlich eine Aufnahme von diesem zweiten Mal. Diese Aufnahme stand auch bald im Internet. Eine Freundin schickte mir den Link mit der Frage, ob ich die Sängerin sei. Das war meine Stimme, das war tatsächlich ich!

Amritpal – die erste Begegnung mit deiner zukünftigen Frau fand nicht über das Auge, sondern über das Hören statt?
Amritpal Singh: Lacht… Genau, besagter Link wurde mir zugeschickt. Auf diese Weise hörte ich meine Frau, bevor ich sie sah! Ich mochte diese Stimme sehr. Ich dachte: ‚Diese Stimme hat viel Potential!’ Mir war der Tablaspieler unsympathisch, der sie begleitete (… lacht)!. Er hielt den Takt nicht ein und mühte sich zu sehr ab. So lernte ich meine Frau kennen.
Doppelt hält bekanntlich besser: Später wurden einander über gemeinsame Freunde vorgestellt. Sie waren der Meinung, dass wir gut zueinander passen würden. Wir schrieben uns anfangs Mails, um den Anderen besser kennenzulernen.

Jagdeep – du erlebtest einen Flugzeugcrash und diese existenzielle Erfahrung hatte Folgen….

© By Marc-Antony Payne (Via email) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

© By Marc-Antony Payne (Via email) [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0) or GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html)], via Wikimedia Commons

Jagdeep Kaur: Unsere erste Zeit war sehr spannend. Ich hatte gerade einen sechsmonatigen Chinaaufenthalt hinter mir. Ich kehrte mit dem British Airways Flug 38 von Peking aus nach London zurück. Es war am 17. Januar 2008. Die Motoren des Flugzeugs fielen aus. Nichts funktionierte mehr. Die Crew sagte nichts, doch ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Ich dachte: „Was wäre, wenn wir jetzt sterben würden.“ Ich stellte fest, dass das okay wäre. Irgendwann müssen wir alle sterben. Ich würde wieder Einswerden. Ich fühlte tiefen Frieden. Ich atmete tief ein und aus. Nur Dank des Könnens des Copiloten schafften wir noch eine Bruchlandung außerhalb des Rollfeldes. Das war eine existenzielle Erfahrung für mich. Wir hätten alle sterben können, aber es gab es nur 47 Leichtverletzte und 1 Schwerverletzten. Der verletzte Mann saß neben mir. Ich kleine Person schleppte diesen Mann aus dem Flugzeug. Beinahe wäre ich Amritpal nie begegnet. Dieses Ereignis war eine Möglichkeit zu verstehen. Wir benötigen nicht immer solch intensive Erfahrungen, um zu verstehen. Ich bin jedoch dankbar. Amritpal wartete auf mich, das war meine Bestimmung. Es sollte so sein. Ich hatte hinterher natürlich Flugangst, aber mein Wille zu reisen war und ist so groß, dass ich einfach weiterhin geflogen bin. Heute habe ich keine Angst mehr. Doch jedes Mal, wenn ein Flugzeug landet, in dem ich mich sitze, bin ich wieder an das erinnert, was ich damals lernte: Es ist in Ordnung zu gehen. Und ich hoffe, wenn es tatsächlich mal ans Sterben geht, dass ich wieder diese Gefühle von Fülle und Frieden wahrnehmen kann, die ich damals erlebte. Dann ist alles gut!

Jagdeep – du hast sicher einige Zeit benötigt, um den Beinahe – Flugzeugabsturz zu verarbeiten. Wie ist es mit Amritpal und dir weitergegangen?

© Qi-Rattan

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Jagdeep Kaur: Ich hatte noch ein Semester Studium vor mir und meine Dissertation. Außerdem ist ein mein Vater ziemlich strikt, was Männer angeht. So entschied ich, dass Amritpal und ich fürs Erste nur per Email Kontakt halten sollten. Wir schrieben uns einen Monat lang Mails. Das war gut. Heute halten können wir viele Erinnerungen in uns wachrufen, wenn wir die Mails lesen. Die Fragen , die wir uns stellten, die Antworten, die wir uns gaben, die waren sehr aufrichtig.
Wir waren ehrlich und offen miteinander. Normalerweise, wenn man sich verliebt, dann versucht man immer das Beste von sich zu zeigen. Man lügt sogar. Man sagt zum Beispiel, dass man gerne spazieren geht, um dem anderen zu gefallen, selbst wenn da gar nicht stimmt. Bei uns gab es das nicht. Wir teilten uns sehr direkt mit, was wir für unsere Stärken und was wir für unsere Schwächen hielten.
Diese Kennenlernphase einer Beziehung kann einen schon ziemlich durcheinander bringen. Man will sich zeigen, aber nicht wirklich alles. Man möchte den anderen beeindrucken und gleichzeitig man selbst bleiben. Das kann einem Angst machen. Schriftlich war das viel einfacher. Ich konnte mitteilen, dass ich manchmal ein hitziges Temperament habe (und andere Dinge über mich). Ich habe sehr ehrlich über meine guten Qualitäten geschrieben.
Amritpal hatte damals nicht einmal meine Telefonnummer. Er wollte mich zu einer Tasse Kaffee einladen und ich sagte nein, auch wegen meiner Familie. Solch ein Date hätte meinen Vater verärgert. Ich erklärte: „Lass uns den traditionellen Weg einschlagen. Lass unsere Eltern ein offizielles Treffen vereinbaren und beide Familien können sich kennenlernen.“
Dieses Treffen fand statt und Amritpal nebst Familie kreuzten auf. Und das waren viele! Es kam immer noch einer. Für meinen Vater war das etwas sonderbar. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet und hat nur wenig soziales Leben. Er ist sozial weniger anpassungsfähig als Amritpal’s Vater, der ja als Musiker unendlich vielen Menschen begegnet. Amritpal war angetan mit sportlicher Jacke und Hose. Er sah ziemlich frisch aus, sein Hemd blitzte vor Sauberkeit und sein Turban war einfach mustergültig gebunden. Er machte einen richtig majestätischen Eindruck. Wir sollten uns setzen und für 20 Minuten miteinander sprechen. Wir redeten aber über 3 ½ Stunden lang, bis kam mein Bruder kam und bat uns, das Gespräch zu beenden. Die Familien würden allmählich unruhig werden. So sahen und sprachen wir uns das erste Mal.

©hansetravel, pixabay.com

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Amritpal: Allmählich kennen die Leute Jagdeep und sie erblüht wie ein wunderbarer Rosenstrauch, der jeden seiner Blüte entfaltet. Vor der Heirat war sie zu Hause und sie studierte, aber sie lebte ihre Talente nicht. Niemand kannte ihre Stimme. Niemand förderte sie. Jetzt singt sie! Wir sind ein Paar und musizieren gemeinsam, sie ist aber auch jemand, der völlig unabhängig von mir musizieren kann. Ich habe meine Tablas und sie hat diese wunderbare Stimme. Die Menschen kennen und lieben sie dafür. Wir sind dankbar füreinander und für die Musik. Wir erzwingen nichts und versuchen wahrzunehmen, was die Richtung in unserem Leben ist und unsere Möglichkeiten zu nutzen.

Nun seid ihr schon seid einigen Jahren ein Ehepaar, vor ein paar Monaten seid ihr Eltern geworden. Außerdem bildet ihr das Duo Qi-Rattan…
Jagdeep:
Eine ganze Zeit lang war es so, dass ich buchstäblich nicht wusste, was ich antworten sollte, wenn Menschen mich wegen meiner Kunst lobten. Ich hatte sogar das Gefühl, die würden mich veralbern. Ich konnte noch nicht einmal Danke schön sagen. Vielleicht empfanden mich die Menschen sogar als unhöflich. Doch ich war nur unsicher und konnte mir nicht vorstellen, andere tatsächlich mithilfe meiner Stimme zu berühren. Amritpal sagt immer zu mir: „Du kannst nur du selbst sein.“ Ich empfinde meine Stimme als Geschenk, sie ist einfach da.
Wenn ich Kirtan singe, dann singe ich manchmal die Kompositionen anderer. Die Worte und Verse stammen aus dem Siri Guru Grant Sahib. Doch die dazugehörige Musik wurde zum Beispiel komponiert von Amritpal’s Vater. Sein Name ist Bhai Gurdiyal Singh Rasiya. Das sind alte traditionelle Kompositionen, aber eine solche Komposition auf der Gitarre zu spielen, das gibt der Musik einen extrem schönen Touch.
Ich komponiere auch selbst. Ich lese das Gurbani sehr gründlich und manchmal weiß ich: „Diese Worte möchte ich in Musik kleiden.“ Dann denke ich mir Melodien aus. Ich versuche den Sinn der Worte wirklich zu begreifen, die ich lese. Dann gehe ich nach innen. Oftmals höre ich die Melodie, bevor ich sie spiele. Es ist beinahe wie eine persönliche Verbindung und Kommunikation mit etwas, das vielleicht tief in uns allen existiert. Ich berühre es manchmal und dann kommt es raus. Oft denke ich, das kann ich doch nicht singen! Meine Stimme ist einfach nicht schön genug für das, was ich in mir höre. Oder dass ich die Melodie nicht richtig umsetzen kann. Ich lege mir dann selbst so viele Hindernisse in den Weg, dass ich aufgeben möchte. Das ist ein richtiger Kampf in mir! Manchmal ist das echt schrecklich. Das geht soweit, dass ich mir ein Kirtanprogramm erarbeitete, dass ich liebend gerne vorstellen möchte und auf dem Wege zur Präsentation kämpfe ich mit mir selbst, ich möchte nicht auftreten. Amritpal sagt: „Du musst auftreten, du hast es versprochen.“ Dann kämpfe ich mit ihm. Aber ich trete auf. Ich singe. Das ist schon ziemlich verrückt. Wahrscheinlich haben viele diesen Kampf mit sich selbst, wenn es darum geht sich zu zeigen.

© Qi-Rattan

© Qi-Rattan

Eine unserer neusten Komposition ist die Melodie zu dem Gebet ‚Poota Mata Ki Asis’. Das kann man am 120. Tag nach der Empfängnis für sein Kind singen. Als meine kleine Tochter Gaavan noch in mir war, ich also schwanger war, kam diese Segnung und Inspiration. Ich war noch eins mit meinem Kind. Und es gab Amritpal und mich. Für mich persönlich war und ist dieses Gebet heilend. ‚Poota Mata Ki Asis’ ist so ein wunderschönes Shabd. Guru Arjun Dev’s Mutter schrieb dieses Shabd. Wir teilten es mit der Sangat. Dieses Gebet ist sehr persönlich, es ging ja letztendlich nur Guru Arjun und seine Mutter etwas an. Weil sie jedoch sehr gebend waren, haben sie dieses Gebet mit allen geteilt.
Wenn ich eine Komposition beende und Amritpal und ich praktizieren, dann fühle ich manchmal solch eine Liebe, dass ich zu weinen beginne. Und er weint auch. Er ist ebenfalls berührt. Ich denke, dass ich manchmal vielleicht etwas albern bin. Wenn ich aber Amritpal anschaue, dann sehe ich, dass wir beide von etwas berührt sind, das größer ist als wir selbst. Das ist nach wie vor überwältigend für mich.
Amritpal: Das ist es, was Qi – Rattan im Moment ist: Zwei Alben von Qi – Rattan sind aufgenommen und erschienen. Große Teile des Doppelalbums entstanden während der Schwangerschaft mit unserer Tochter Gaavan. Wir waren und sind sehr inspiriert und kreativ!
‘Jaag Re – Awaken’ Double Album
Tarang – The Divine Flow Debut Album
Journey Through Compassion: A Qi-Rattan Guided Meditation
Rakhe Rakhanhaar Single

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