Lebensstufen

Heutzutage gilt leistungsorientiertes Denken als fortschrittlich und wenn jemand etwas erreicht hat und da ist es egal, ob das durch einen Glücksfall, durch harte Arbeit oder durch Spezialisierung geschehen ist, dann ist man allgemein der Meinung, dass derjenige / diejenige sehr erfolgreich ist. Etwas im Leben unter dem Einsatz seines gesamten Potentials vollbracht zu haben, das ist anstrengend und sehr mühevoll.

Wenn man in seinem Leben etwas aus eigener Kraft erreicht, dann entsteht gleichzeitig Langeweile. Wurde einem etwas anvertraut, dann beginnt man sich zu fokussieren und man ist sich nicht bewusst, dass im selben Augenblick Langeweile aufkeimt. Erfolg und Langeweile sind miteinander verwoben. Sie sind wie die zwei Seiten einer Medaille. Aus diesem Grunde gibt es das verflixte siebente Jahr einer Ehe. Langeweile ist die Ursache für das Hinterfragen von Freundschaften oder dafür, dass viele Menschen mittleren Alters beginnen, ihre berufliche Laufbahn in Frage zu stellen.

Achtzig Prozent der Menschen machen es sich in ihren Leben nicht so angenehm, wie sie es eigentlich könnten. Und es ist nicht so, dass irgendeine Gottheit ihnen Unbequemlichkeiten abverlangen würde, diese Personen gestalten ihre Leben aus sich selbst heraus recht trostlos. Vierzig Prozent der Menschen ändern ihre Berufe, wenn sie ihr mittleres Lebensalter erreicht haben, sie ändern ihre Familienkonstellation, sie ändern alles, dabei befinden sie sich doch lediglich in der Übergangsphase zwischen zwei Lebensstufen. Was ist passiert? Das ist sehr einfach: Leben und Tod gehen Hand in Hand. Du wirst als Säugling mit einem Babywissen geboren. Das Baby verändert sich, es stirbt und das Kind wird geboren, gleich darauf stirbt das Kind und der Teenager wird geboren, der Teenager ist tot und der junge Erwachsene wird geboren, der junge Erwachsene stirbt und der Erwachsene wird geboren, dieser stirbt und der alte Mensch wird geboren, dieser stirbt und der hochbetagte Greis wird geboren, um letztlich das Leben ganz loszulassen.

Und schau dir einmal die Koinzidenz der Ereignisse an. Das Baby ist irgendwie geschlechtslos und der/die Greis*in ebenfalls. Mit dieser Art der Identität beginnst du und beendest du deine Lebensbahn, doch all die Tode, die du auf deinem Wege stirbst, die nimmst du gar nicht wahr, du bereitest dich nicht auf diese vor, du stimmst dich nicht auf sie ein. Die Tode kommen und sie gehen und du landest immer wieder auf einer anderen Stufe dieser Inkarnation und bist innerlich nicht darauf eingestellt.

© Hans, pixabay.com

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Gleich nach seiner Geburt sorgt die Mutter für ihren Säugling. Wenn dieser zum Kleinkind wird, dann stehen Mutter und Vater mit ihm in einer Wechselbeziehung. Die Teenagerzeit ist eine Phase des Hinterfragens. Wächst der Teenager heran und wird älter, dann beginnt die Gesellschaft mit dieser Person zu interagieren. Für den Erwachsenen sind Bindungen und Träume wichtige Lebensfragen. Im Alter ist ein Mensch entweder weise geworden oder auch nicht. Und der/die Greisin erlebt die letzte Phase seines / ihres Lebens. Die Menschen fragen sich: Wo geht es danach hin?

Nach deinem 54. Lebensjahr musst du dir selbst wieder ins Auge sehen lernen. Während der ersten 54 Tage deines Lebens hast den Blick auf nichts gerichtet und nach 54 Lebensjahren stehst du niemand anderem als dir selbst gegenüber und darauf hat dich niemand vorbereitet. Du gehörst möglicherweise einer Religion an, du glaubst an Gott, an etwas Ungewöhnliches, an die Magie oder an weiß der Himmel was, du glaubst aber nicht an dich selbst, weil du dich selbst nicht kennst.

Während der letzten 5000 Jahre wurde der Menschheit immer wieder gesagt: Lerne dich selbst kennen! Was weißt du eigentlich, wenn du dich selbst nicht kennst? Wenn du dir nicht darüber im Klaren bist, dass diese Veränderungen geschehen werden, dann kannst du nicht mit ihnen umgehen. Jeder ältere Mensch glaubt, dass er achtzehn Jahre alt sei und jeder Achtzehnjährige ist der Meinung, er sei achtzig. Der Achtzehnjährige sagt: ‚Ich bin verantwortlich, ich kann alles aushalten, mir kann niemand etwas sagen, ich muss auf niemanden hören.’ Der Achtzigjährige halluziniert über seine fehlende Manneskraft, tut so, als wäre er eigentlich Samson, dem Delilah seine Manneskraft geraubt hätte. Diese Geschichte ist nicht nur eine biblische Erzählung, sondern ein Mythos, den sich viele Männer ab dem 45. Lebensjahr beginnen zu erzählen und diese Schilderung endet mit dem Grab.

Das ist ihre Realität. Du glaubst das nicht? Das sind Tatsachen und du hast diese nicht gelernt. Aus welchem Grund hast du es nicht gelernt? Man benötigt ein extremes Selbsttraining, nichts anderes ist der Zen Buddhismus. Mit ‚extrem’ meine ich, das es beinahe unmöglich ist, es ist jedoch, was es ist – Shuniya (Sanskrit: Śūnyatā, Leere) – keine Bewegung. Das ist forcierte Disziplin. Alle wollen die Wahrheit finden. Tatsächlich existiert keine Wahrheit. Dieser Planet Erde ist nur ein Schatten der Wahrheit. Alles ist Maya (Illusion, Täuschung).

Auszüge aus einem Vortrag von Yogi Bhajan vom 7. November 1991 (Santa Fe, NM, USA)

 

 

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