„East meets West“ – ein bewegend bunter Gedankenaustausch mit den Musikern des wunderbaren Duos Qi-Rattan

Tabla-und-GitarreEs ist sechs Uhr morgens: Sadhanazeit beim Kundaliniyoga Festival in Oberlethe. Die Sonne ist aufgegangen. Ihre Strahlen tauchen die ehemalige Reithalle des Hofes in ein warmes Licht. Ungefähr 300 Personen meditieren hier auf die Aquarian Sadhana Mantren. Wir werden instrumentell und stimmlich von dem Duo Qi-Rattan unterstützt, bestehend aus einem Tablaspieler und einer Sängerin. Der Name des Tablaspielers ist Amritpal Singh. Seine Frau Jagdeep Kaur begleitet uns mit ihrer schönen Singstimme. Da erinnere ich mich: Seit ungefähr einem Jahr hören wir diese Musik immer mal wieder frühmorgens zu Hause. Bedeutsam für ein Duo mit indischem Background ist, dass Jagdeep Kaur ihren Gesang nicht mit dem Harmonium, sondern einer Gitarre untermalt. Ihre Stimme ist klar, warm, irgendwie westlich und östlich zugleich. Amritpal ist ein exquisiter Tablaspieler alter Schule. Mein Mann flüstert mir zu: „Die musst du interviewen.“

Es ist ungewöhnlich, dass ein erstklassiger Tablaspieler auf sanfte, behutsame Weise eine Frau begleitet, die singt und Gitarre spielt. Er drängt sich nicht in den Vordergrund. Fast ist es so, als würde Amritpal (35) seine Frau Jagdeep (32) mit Hilfe der Tabla sorgsam umfangen und als könne sich ihre schöne Stimme auf diese Weise entspannt entfalten. Ich will mehr wissen!

Die beiden sind wirklich freundlich, lustig und offen. Nachdem die kleine Tochter Gaavan gefüttert und versorgt ist, treffen wir uns für das Interview in einer Sofakuschelecke auf einem der vielen Flure des Hofes Oberlethe. Ich falle gleich mit der Tür in Haus. Ich möchte wissen, was die persönliche und musikalische Geschichte der beiden ist.

Herausgekommen ist ein zweistündiges Interview. Vom Anfang bis zum Ende unserer Gesprächszeit war ich fasziniert und berührt von den Schilderungen ihres Lebens und ihres Werdeganges. Ich fand ihre Erzählungen von A bis Z fesselnd! Wir haben uns daher entschlossen, das umfangreiche Gesprächsmaterial in vier Abschnitte zu teilen und es euch als Serie mit dem Titel „East meets West“ zu präsentieren.

„East meets West“, das ist letztendlich nicht nur Lebensrealität des Duos Qi Rattan. Diese Realität wirkt in das Leben einer jeden Kundalini Yogini und eines jeden Kundalini Yogi hinein. Ob sie bzw. er Kundalini Yoga Übungen, die Meditationen beziehungsweise Mantren praktiziert, die Yogalehrerausbildung absolviert, regelmäßig nach Indien reist, um an den Re Man Meditationen mit Guru Dev Singh oder anderen Kursen teilzunehmen oder weil vielleicht sogar ein Kind die Miri Piri Academy in Amritsar / Indien besucht.

„East meets West“ –  eine Kindheit in England

Jagdeep Kaur – es ist bemerkenswert, dass Qi–Rattan traditionelle indische Musik mit westlichen Einflüssen verbindet. Wo und wie bist du eigentlich aufgewachsen?

Der Name meines Vaters ist Parmjit Singh Panesar. Er ist Sikh und dieser Tradition sehr verbunden. Geboren wurde er in Indien, dort wuchs er auf und machte als junger Mann eine Ausbildung als Buchhalter. Er wanderte als gut geschulter Buchhalter nach Großbritannien aus. Hier in England allerdings fand das Diplom meines Vaters keine Anerkennung. Er musste daher sehr, sehr hart für unseren Lebensunterhalt arbeiten. Wir lebten im östlichen London.
Meine Mutter war Hausfrau. Sie sorgte für uns Kinder. Als wir klein waren, sahen wir meinen Vater erst spät am Abend. Frühmorgens verließ er als Erster das Haus. Er musste sich als einfacher Arbeiter durchschlagen. Meine früheste Erinnerung an ihn war, wie er mit seinem Werkzeugkoffer bewaffnet nach Hause kam. Er roch nach Staub und Holz und trug Stiefel mit Stahlkappen, die immer schmutzig waren.  Vor dem Abendessen duschte er erst mal gründlich. Trotz allem ermöglichte er jedem seiner Kinder eine gute Ausbildung. Ich studierte an der Middlesex University in London traditionelle Chinesische Medizin (BSc Traditional Chinese Medicine ) und verbrachte sogar ein halbes Jahr in China, um dort zu lernen. Das war einfach wunderbar. Außerdem eignete ich mir Kenntnisse in Reiki, Akupunktur und Soundhealing (Heilung durch Klang) an.

Jagdeep Kaur – dein Vater ist ein traditioneller Sikh. Wie haben deine Eltern deinen Musikgeschmack beeinflusst?

Mein Vater hat eine wunderbare Singstimme. Er hört als traditioneller Sikh natürlich gerne Kirtan aber auch Bollywood Filmmusik. Mit Freude singt er die Lieder im Haus. Auch meine Mutter liebt klassische, indische Klänge und beschwingte Bollywood Musik. Weil sie aber schon als kleines Mädchen von Indien nach England zog, ist sie ebenso westlich beeinflusst. Mit Vorliebe hört sie die Beatles, Fleetwood Mac, Eva Cassidy oder Diana Ross. Ich kam während meiner Kindheit mit vielen verschiedenen Musikstilen in Kontakt. Das war eine ganz schön große Bandbreite! Mich hat Musik immer schon interessiert. Das Gitarrespielen lernte ich in der Schule. Eigentlich war Vater mein erster Musiklehrer, denn er brachte mir das Spielen auf dem Harmonium und mein erstes Shabad bei. Obendrein lernte ich Sitar. Meine Eltern nahmen mein musikalisches Interesse jedoch nicht sonderlich ernst. Sie fanden, man sollte seinen Fokus auf andere Dinge richten, also Arzt werden oder jemand, der in der Wirtschaft arbeitet. Das ist ihr Maßstab des Erfolges. Meine ganze Familie ist sehr musikalisch, aber meine Eltern denken, dass Musik einen untergeordneten Platz im Leben haben sollte. Ich persönlich glaube aber, dass die Kinder manchmal die Dinge in ihrem Leben verwirklichen, die ihre Eltern sich unbewusst ersehnten oder erträumten und selbst nicht wagten.

Und heutzutage begleitest du traditionelles  Kirtan mit der Gitarre…

Nachdem Amritpal und ich verheiratet waren, begann ich Kirtanlieder  mit der Gitarre statt mit dem Harmonium zu begleiten. Das Harmonium ist nämlich eine Herausforderung für mich. Es ist ein so lautes Instrument. Wenn ich eine Note verkehrt spiele, dann macht mich das ganz nervös. Ich kann mithilfe der Gitarre gut singen. Amritpal inspirierte mich, ein Shabad zu lernen und mich selbst mit der Gitarre zu begleiten. Ich war absolut davon überzeugt, dass das nicht funktionieren würde. Kein Mitglied einer traditionellen Sangat würde das je akzeptieren! Ich probierte dieses Konzept trotzdem im Rahmen eines von Amritpal Singh organisierten Kirtanprogrammes aus. Den Leuten gefiel es! Sie konnten sich mit der Musik verbinden und sie genießen. Es war richtig erfrischend für die Zuhörer. Einerseits war das Kirtan vertraut und dann wieder etwas ganz Neues für sie. Ich war völlig überrascht: Alle sangen mit!

Amritpal – die Stadt deiner Geburt ist Birmingham. Als du ein zehnjähriger Junge warst, seid ihr in den Westen Londons gezogen. Was ist dein familiärer und musikalischer Background?

Ich wurde in eine Familie von traditionellen Kirtanmusikern hinein geboren als eines von sechs Kindern.  Mein Vater siedelte in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts von Indien nach England um. Sein Name ist Bhai Gurdiyal Singh Rasiya. Er ist ein berühmter traditioneller Kirtani und war der erste Kirtani in Großbritannien, der seinen Lebensunterhalt ausschließlich als Musiker bestritt.  Außerdem unterrichtete er. Mein Großvater Dr.  Seva Singh war Musiker und ayurvedischer Gelehrter, mein Urgroßvater ein sehr bekannter Musiker. Sein Name war Siri Ram Singh und er war ein Meister der Sarangi. Die Sarangi ist ein traditionelles und recht anspruchsvolles Streichinstrument. Damals spielte mein Urgroßvater sogar an den Höfen der Maharadschas.

Als ich zehn Jahre alt war, begann ich mit meinem Vater zu reisen. Schon als kleiner Junge begleitete ich den Gesang meines Vaters mit der Tabla. Mein Vater nahm jedes Mal abwechselnd vier seiner Söhne mit, wenn er irgendwo als Kirtani geladen war.  Viele Jahre lang sind wir so kreuz und quer durch Großbritannien gereist, manchmal ging die Reise sogar ins Ausland.

Mein Vater konnte viele Instrumente spielen. Er war mein erster Lehrer, er brachte mir das Tablaspielen bei. Dann wechselte ich zu einem anderen Lehrer. Als dieser verstarb kam ich in eine Krise. Ich fragte mich, ob und wie weit ich mit dem Tablaspiel gehen wollte. Daraufhin traf ich meinen letzten Lehrer. Er ist einer der besten Tablaspieler der Welt. Sein Name ist Pandit Yogesh Samsi. Seit ungefähr zehn Jahren arbeite ich mit diesem Meister. Ihm verdanke ich es, dass ich die Tabla heute auf einem sehr hohen Niveau spiele. Er ist ein strenger Lehrer und gleichzeitig sehr liebevoll.

Vor zwei Jahren hatte ich eine Initiationszeremonie als Tablaspieler. Man kann diese tatsächlich mit der Amritzeremonie vergleichen. Nun bin ich ein initiierter Schüler meines Lehrers. Davon gibt es nur drei auf der Welt. Ich bin einer davon, ein weiterer ist mein Bruder, ein dritter lebt in Indien.

Vor einiger Zeit feierten wir Guru Purnima. Mit diesem Fest werden spirituelle oder akademische Lehrer geehrt, es wird ihnen gedankt und man erweist ihnen Respekt. Dieses Fest hat sehr alte Wurzeln.  Unser Lehrer wurde auf diese alte Weise geehrt. Er bekam eine Blumengirlande, Süßigkeiten und Geschenke. Alle seine Schüler spielten ihm vor, so auch ich. Mein Lehrer war sehr zufrieden mit mir. Ich glaube, es war schön für ihn zu sehen, dass aus seinem Schüler wirklich etwas geworden ist. Alle waren da, meine Mutter, mein Vater, meine Kollegen, meine Frau und meine kleine Tochter. Es ist ein intimes, sehr privates Fest. Ich spielte für eine Stunde. Mein Lehrer war so glücklich! Er sagt oft, wenn wir üben: „Du schwitzt aber gar nicht.“ Das ist ihm wichtig, dass man so in dem Spiel aufgeht, dass man zu schwitzen beginnt.

Als ich nach meinem Solo zu ihm ging, um seine Füße zu berühren, da rief er. „So sollst du spielen! Du musst immer so schwitzen wie jetzt. Das ist harte Arbeit! Jetzt ist alles möglich. Du bist Weltklasse!“ In Europa gibt es nur eine Handvoll Tablaspieler, die auf einem solch hohen Niveau spielen.

Du warst dabei Jagdeep Kaur, wie ist es dir ergangen?

Ich stand mit unserer kleinen Tochter Gavaan im Arm ganz weit hinten. Die Zeit verging wie im Fluge. Nach 20 Minuten begann mein Mann so zu schwitzen, dass seine Kleidung ganz durchnässt war… Du solltest Amritpal mal spielen hören! Eine halbe Stunde seiner Musik kann auf die Zuhörer eine ähnliche Wirkung haben wie eine kräftige Gongmeditation. Wenn Amritpal eine Musikgruppe mit der Tabla begleitet, dann gibt er das Fundament und den Hintergrund. Nun konnte er jedoch ausdrücken, was er mit diesem Instrument eigentlich zu tun vermag. Das war einfach unglaublich.

Amritpal  – du bist außerdem ein studierter Computerfachmann…

Ja – ich habe die Universität besucht und Informatik studiert. Nun arbeite ich als Projektmanager in der Computerbranche. Im Moment allerdings mit vielen Unterbrechungen, denn wir möchten unser Kirtanprogramm voranbringen. Wir haben vor, ausschließlich von der Musik und der Heilarbeit zu leben. Das ist unser Ziel. Ich halte jetzt schon an vielen Orten Workshops ab, ich unterrichte, ich habe einige Schüler. Doch wir müssen Miete zahlen und uns ernähren…

Und bald geht es weiter mit dem Talk „East meets West“. Zu erfahren ist, wie Jagdeep das erste Mal vor und mit einem großem Publikum sang, wie das  Qi-Rattan in dem berühmten Beatlesstudio aufnehmen durfte und was ein Kirtanprogramm ist …

von Bettina Sat Hari Kaur Stülpnagel, 05.09.2014

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