Doppelte Minderheit

Ich bin ein afroamerikanischer Mann und ein Sikh. Anlässlich meines 12. Geburtstags schenkte mir mein Opa ein Rad. Mein Großvater war der Chauffeur eines wohlhabenden Mannes im Westen Pennsylvanias. Das Fahrrad war ein wunderschönes weißes und lilafarbenes Zehngang-Rennrad mit gebogenem Lenker. Dieses Rad schenkte mir die Freiheit, mit meinen schwarzen Freunden die Nachbarschaft zu erkunden. Eines Samstags bat mein Vater mich darum, anlässlich eines Familienereignisses um 15:00 Uhr zu Hause zu sein. An diesem Morgen setzte ich mich auf mein Fahrrad. Ich fuhr mit meinen Freunden von unserem Haus in Germantown aus in eine überwiegend weiße Nachbarschaft, die Neuland für uns war. Nachdem wir mehrere Stunden gefahren waren, machten wir uns auf den Heimweg. Ich wollte pünktlich um 15:00 Uhr wieder zurück sein.

Etwa auf halbem Weg nach Hause stoppte uns Streifenwagen der Polizei von Philadelphia und befahl uns allen, von unseren Fahrrädern zu steigen. Ein weißer Polizist kam auf mich zu, nahm mir mein Fahrrad aus den Händen und fragte: „Wo hast du dieses Fahrrad her?“ Ich erklärte, dass mein Großvater es mir zu meinem Geburtstag geschenkt hatte. Er stellte das Fahrrad auf den Kopf, um seine Seriennummer zu lesen und aufzuschreiben. Er ging hinüber zu seinem Wagen, sprach mit einem anderen Beamten, kam dann zurück und sagte: „In Ordnung, geh nach Hause. Ihr wisst, dass ihr nicht in dieses Viertel gehört.“ Als ich nach Hause kam, war es weit nach 15:00 Uhr. Mein Vater war wütend. Er fragte mich, warum ich mich verspätet hatte, und ich erzählte ihm die Geschichte meiner Begegnung mit der Polizei. Er wandte sich kurz von mir ab, und als er sich umdrehte, konnte ich sehen, dass er immer noch sehr wütend war, aber nicht mehr auf mich.

Ich spule vor bis ins Jahr 1970. Es ist schon spät am Abend und ich bin ein 17-jähriger afroamerikanischer Highschool-Absolvent. Auf der Fahrt vom Haus meiner Großmutter in West-Philadelphia zu unserer Wohnung an der City Line Ave. wurde ich von der Polizei Philadelphias an der Ecke Lancaster und City Line angehalten. Ich wurde gefragt, wohin ich „um diese Zeit in diesem Viertel“ unterwegs sei. Ich antwortete, dass ich nach Hause fahre und spulte innerlich ab, was meine Großmutter, meine Mutter und andere Verwandte mir eingebläut hatten. „Tu, was die Polizei dir sagt. Bloß keine Widerrede! Sage immer ‚Ja Sir‘ und ‚Nein Sir‘. Mache keine plötzlichen Bewegungen.“ Der Polizist sah mich misstrauisch an und sagte: „Du wohnst hier nicht in der Gegend, Junge… lüge mich nicht an.“ Ich hatte Angst und antwortete: „Doch, ich wohne hier.“ Ich gab ihm meine Adresse. Ungeduldig und nachdrücklich sagte er: „Ich weiß, dass du nicht hier wohnst… die Wohnungen wurden gerade erst gebaut… lass mich deinen Führerschein sehen.“ Ich zeigte ihm den Führerschein. Er sagte: „Setze dich auf den Bordstein und halte deinen Arsch still.“ Er ging zurück zu seinem Fahrzeug und sein Partner stand hinter mir, etwa einen Meter entfernt, und leuchtete mit einer starken Taschenlampe über meine linke Schulter. Nach einer Ewigkeit kehrte der erste Polizist zurück, bellte „Steh auf!“ und gab mir meinen Führerschein zurück. Er sagte nur noch: „Verschwinde von hier.“

Reality Check

Im Jahr 1977 konvertierte ich zum Sikhismus. Dieser Weg stimmte mit meinem inneren Gefühl überein, für die Wahrheit einzutreten und diejenigen zu verteidigen, die sich nicht selbst verteidigen können. Der Weg ging Hand in Hand mit meiner Liebe zur Musik (afroamerikanische Musik, klassische Musik oder Jazz), die mich auf meinem Weg durch das College und das Jurastudium hindurch begleitet, inspiriert und verändert hatte. Als ich meinen Freunden und Verwandten meinen neuen Weg, meine neue Identität, die spirituellen Ideen, die ich über Yoga und Meditation und das Tragen eines Turban hatte, erklärte, sagte der afroamerikanische Vater eines engen Freundes, der mir durchaus interessiert zugehört hatte: „Weißt du, am Ende des Tages werden sie dich immer noch einen Nigger nennen.“

Nach Los Angeles zog ich im Jahr 1979, dort legte ich die kalifornische Anwaltsprüfung ab und begann für eine Kanzlei in Compton, CA, zu arbeiten. Während eines Auftritts vor Gericht in einer familienrechtlichen Angelegenheit in Norwalk, bekleidet mit einem Anzug und meinem weißen Turban, präsentierte ich die Position meines Mandanten zu einem „Order to Show Cause“. Der Richter unterbrach meinen Vortrag und sagte während der Aufzeichnung: „Was ist das für ein Ding auf Ihrem Kopf?“ Ich antwortete, dass ich ein Sikh sei und dass ich als Teil meiner religiösen Identität einen Turban trage. Seine Antwort richtete sich nicht an mich, sondern an seinen Sekretär. Er tönte: „Können Sie das glauben? Das sind die Vereinigten Staaten von Amerika!“ Ich antwortete: „Ja, Sir, das sind sie, und ich glaube, es ist mein Recht gemäß dem 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, eine Religion meiner Wahl ohne Verächtlichmachung zu praktizieren.“ Er wedelte mit der Hand und sagte mit einem spöttischen Gesichtsausdruck: „Gut, fahren Sie fort, Herr Anwalt.“

Als ich in mein Büro zurückkehrte, traf ich auf den Direktor des Büros, Frank Bazadier. Frank fragte: „Khalsa, was ist denn los?“ Ich erklärte ihm den Vorfall. Frank, der ebenfalls Afroamerikaner und Anwalt war, sagte: „Nein, das ist nicht richtig! Wir werden Beschwerde beim Rat für richterliche Leistung einreichen.“ Diese wurde noch an jenem Nachmittag übergeben. Zwei Tage später erhielt ich einen Anruf von der LA Times. Das Nachrichtenmagazin veröffentlichte einen positiven Artikel in der Sunday Times über mich, mit einem Bild von mir mit Aktentasche und Turban. Erstaunlicherweise war ich sofort in jedem Gerichtssaal in Los Angeles bekannt.

Klarheit

Ich besuchte das Smithsonian Museum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington D.C. kurz nach seiner Eröffnung und gewann einen erweiterten Blick auf Rasse und amerikanische Geschichte. Seit der Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven in der neuen Welt war „Rasse“ in der amerikanischen Wahrnehmung eine rechtliche, politische und wirtschaftliche Triebkraft. Die Überreste der Institution der Sklaverei haben bis heute überlebt. Sie sind inmitten der verbliebenen Einstellungen und der subtilen und nicht so subtilen finanziellen, erzieherischen und strafrechtlichen Politik und Verfahrensfrüchte eines sehr giftigen Baumes zu finden. Ich bin mindestens fünfmal in dem Museum gewesen. Jedes Mal kam ich mit neuen Informationen über die ursprüngliche Fassung der Unabhängigkeitserklärung oder über die entscheidende Bedeutung der Sklavenarbeit für das Wirtschaftswachstum und das Überleben der Vereinigten Staaten zurück. Ich gewann mehr Klarheit über die Gesetze in Virginia, die es jedem Weißen in North und South Carolina und anderen Sklavenstaaten erlaubten, jeden vermeintlichen Sklaven einer Plantage zu fangen, zu verstümmeln oder zu töten, ohne strafrechtlich dafür verfolgt zu werden. Ich verließ das Museum jedes Mal mit einem tieferen Verständnis für die tödlichen Auswirkungen des rassistischen, Sklaven-feindlichen Untertons der Gesetze. In Amerika ist er bis heute existent und manifestiert sich viel zu oft in den Schicksalen von Menschen wie Emmet Till, Fred Hampton, Travon Martin, Michael Brown, Eric Garner, Ahmaud Arbery und George Floyd, um nur einige zu nennen.

Es geht mir darum, mein Verständnis und meine Erfahrungen mit der allgegenwärtigen und zerstörerischen Natur von Rassendiskriminierung und Voreingenommenheit in Amerika zu erläutern. Als Sikh und als Schwarzer nehme ich die subtilen und nicht so subtilen Blicke und Aussagen wahr und erfahre Drohungen („Hey Osama!“), die auf meinem Status als „doppelte Minderheit“ zielen. Mein Blickwinkel ist nicht einzigartig. Weitere doppelte Minderheiten existieren und leiden: die afroamerikanische LBGTQ-Gemeinschaft, die Sikh-Gemeinschaft (Sikhs, die als Araber und Handtuchkopf-Terroristen bezeichnet werden). Wir scheinen als Gesellschaft entschlossen zu sein, das Anderssein zum Verbrechen zu machen.

Eine doppelte Minderheit zu sein, verschafft mir eine einzigartige und starke Perspektive. Die Hautfarbe geht nicht ab. Du kannst deine Identität als schwarzer, hispanischer, indianischer Mann oder Frau nicht einfach ablegen, noch kannst du deine sexuelle Identität loslassen oder dich von deiner spirituellen oder kulturellen Identität als Sikh, Jude oder Muslim abwenden. Die Lektion für mich besteht darin, zu sein, wer du bist, denn so hat Gott dich geschaffen. Ich habe mich dazu entschieden, aufrecht zu gehen. Kraftvoll Tag für Tag weiterzugehen, ohne Vorbehalt meiner eigenen Göttlichkeit gegenüber. Diese Kraft schöpfe ich aus meiner persönlichen Geschichte und aus meiner spirituellen Identität. Ich glaube, dass andere nach dem Mord an George Floyd die gleiche Entschlossenheit zeigen und die gleiche Stärke finden werden.

Synergieeffekt

Ich hatte das große Glück, die Kraft und Gnade einer sichtbaren spirituellen Identität und eines definierten spirituellen Weges zu erfahren. Ich habe die multikulturelle und gemischtrassische Synergie meiner Sikh-Gemeinschaft erfahren, ich habe die multikulturelle und gemischtrassische Synergie meiner Kampfkunstgemeinschaft erfahren und ich habe die multikulturelle und gemischtrassische Synergie meiner Berufsgemeinschaft erfahren. Es ist möglich, dass Menschen zusammenarbeiten, um etwas Höherem als dem eigenen Selbst zu dienen. Ich hatte das Privileg, mit Männern und Frauen in der Strafverfolgung zusammenzuarbeiten, mit Bezirksstaatsanwälten, Richtern, Pflichtverteidigern und privaten Verteidigern. Vielen von ihnen erkennen ebenfalls, dass die historischen Überreste von Missbrauch und Diskriminierung dramatisch verändert werden müssen. Diese wurden einstmals gesetzlich sanktioniert und sind jetzt in das Mauerwerk unserer gesellschaftlichen Infrastruktur eingebrannt.

Es gibt eine Form des Lichts und des Lernens, das jede menschliche Erfahrung durchdringt. Die Dunkelheit des Todes von George Floyd birgt in ihrem Kern das transformierende Licht der Erkenntnis – die Erkenntnis, dass wir alle gleich sind. Was einem einzigen weh tut, tut uns allen weh. Als menschliche Familie sind wir eins. Jeder von uns kommt nackt, runzlig und ohne Besitz auf die Welt und wir verlassen die Welt wieder nackt, runzlig und besitzlos. Jeder Atemzug, vom ersten bis zum letzten, ist ein Geschenk des Göttlichen, und es liegt nicht in unserer Macht, diesen Atem zu erzeugen oder zu verlängern, wenn unser Stündlein geschlagen hat.

Aber jede Veränderung erfordert Handlungen. Sobald wir die Wahrheit kennen, obliegt es uns, diese Wahrheit zu verkörpern, jeden mit dem Respekt und der Liebe zu behandeln, die wir uns für uns selbst wünschen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Darüber hinaus müssen wir uns die volle Kraft unserer gemeinsamen Ausstrahlung als Lichtwesen zunutze machen. Wir müssen unser Licht gemeinsam (auch das Licht besteht aus unterschiedlichen Farben) zu einem starken, blendenden Lichtstrahl bündeln, der ausreicht, um alle Ecken und Aspekte unserer Institutionen, Beziehungen und gesellschaftlichen Infrastruktur zu durchdringen. Wandeln wir die Tragödie in einen Triumph um. Lasst uns vom Opfer zum Sieg schreiten. Verwandeln wir Dunkelheit in Licht.

Singh Sahib Gurujodha S. Khalsa ist derzeit Präsident des SSSC. Er ist seit 1979 in Kalifornien als Rechtsanwalt zugelassen und einer von vier Chief Deputies im Büro des County Councils in Bakersfield, Kern County, Kalifornien. Er ist der Begründer eines Selbstverteidigungssystems namens „The Spiritual Warrior Training System“ und Schwarzgurt-Trainer des sechsten Grades des Kenpo-Karate. Gurujodha S. Khalsa ist ein Gründungsmitglied des Amritsar-Bakersfield Sister City Committee. Artikel im Original

Gurujodha Singh besuchte das Smithsonian Museum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington D.C. So gewann er einen erweiterten Blick auf Rasse (race) und amerikanische Geschichte. Wir empfehlen dieses schöne Video des Senders Arte, um einen Einblick zu gewinnen. Die Einteilung des Menschen in biologische Rassen entspricht nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Dennoch wird der Begriff bisweilen in der biomedizinischen Forschung und im offiziellen Sprachgebrauch in manchen Ländern (etwa in den USA und in Lateinamerika) nach wie vor verwendet. Dabei wird das Wort race nicht in einem biologischen Sinn, sondern als soziale Kategorie verwendet, die sich weitgehend auf eine Selbsteinschätzung der betroffenen Personen stützt.

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