Der einfache Heilige

yogiji“Ich begegnete einmal einem sehr besonderen heiligen Mann. Ich wollte mich mit ihm über heilige Schriften austauschen. Ich nahm überhaupt nicht wahr, dass dieser Weise keine Ahnung von irgendwelchen Schriften hatte. Ich fragte den Mann: “Welche Shastras hast du studiert?” (Shastra oder śāstra bezeichnet eine Schrift, Lehre oder Anweisung im allgemeinen Sinne).

Und er antwortete: “Wie bitte? Was ist eine Shastra?” “Shastra bedeutet Schrift. Die Bibel zum Beispiel ist eine Shastra.” Ich fragte abermals: “Hast du irgendeine der Shastras gelesen?” Und wieder antwortete er etwas verständnislos mit der Gegenfrage: “Was ist das?”

Meine nächste Frage war: “Bei welchem Meister hast du gelernt?” Er erwiderte: “Warum sollte man das tun? Wofür ist das gut?” Er fragte mich tatsächlich ‘Warum’. Wisst ihr, was ich fühlte, als ich diese Antwort hörte? Ich sagte nur: “Ji, ich habe eine kleine Frage an dich.” Er antwortete: ”Ja, schieß einfach los.”

Ich sagte: “Du bist hier fern der Heimat, wir haben eine schöne Yogagemeinschaft hier, es ist für alles gesorgt. Du bist ein heiliger Mann. Das nehme ich an deiner Schwingung wahr. Ich kann an deinen Mustern erkennen, dass du ein sehr guter Mann bist, aber wie um Himmels Willen ist es nur dazu gekommen?”

Wisst ihr, was er sagte? Das war schon beeindruckend. Er erzählte mir: „Ich traf einen heiligen Mann. Der sagte: ;Tu dies, dies, dies und jenes, jenes, jenes.‘ Letztendlich machte ich deutlich, dass ich das alles nicht tun wollte. ‚Gibt es denn nicht irgendeine Kleinigkeit, die ich üben und meistern kann?’

Der Heilige sagte:  ‚Klar. Du denkst einfach ununterbrochen, dass du ein gottesbewusstes Wesen bist.‘ Nun ist mir das zur Gewohnheit geworden. Ich denke, dass ich ein gottesbewusstes Wesen bin. Wenn ich also spreche, dann fühle ich, dass Gott durch mich spricht. Wenn ich esse, dann fühle ich, dass Gott durch mich isst. Wenn ich schlafe, dann fühle ich, dass Gott durch mich schläft. Wenn ich einmal austreten muss, dann fühle ich, es ist Gott, der das stille Örtchen besucht. Ich fühle auf diese Weise und daher bin ich auch so.“

Der heilige Mann lachte mich an und sagte: „Yogi – Raj, weißt du, wie lange ich brauchte, um Gott zu werden?“ Ich lachte auch und entgegnete: „Nicht mehr als 29 Tagen, ich kenne deine Konzentrationskraft.“

Er sagte: „Richtig. Ich habe nur vier oder fünf Mal während dieser Tage nicht daran gedacht. In diesen Augenblicken schimpfte ich sehr mit mir selbst: ‚Hey, du bist ein gottesbewusstes Wesen! Wie redest du eigentlich?’ Endlich verwandelte sich das Denken in mir in etwas sehr Solides und Dauerhaftes. Nun komme ich davon nicht mehr los.“ Dann fragte er mich: „Sag mal, was wollen all diese Menschen von mir? Was kann ich ihnen geben?“

Ich antwortete: „Das kann ich dir sagen. Du bist eine gleichbleibende Quelle des Lichts. Jede Kerze, die in deine Nähe kommt, wird Feuer fangen und brennen. Du wirkst erhebend auf die Seelen der Menschen. Das ist das allerhöchste Karma. Du sensibilisierst die Menschen für die Wahrheit in sich selbst, denn deine Absicht ist es, die Menschen dazu zu bringen,  göttlich zu sein.“ ~Yogi Bhajan

Beitragsfoto: ©  Vinoth Chandar, www.flickr.com

Quelle: http://www.gurufathasingh.com/resources.html

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