Das Geschenk der Unvollkommenheit

Jedes Individuum hat das Potential, ein Original zu sein. ~ Yogi Bhajan

Wenn man als Yogalehrer*in vor den Schüler*innen sitzt oder sich als Yogaschüler*in in der Yogaklasse umschaut, dann fällt einem unweigerlich auf, wie unterschiedlich Menschen sind.  Keine Person ist wie die andere. Jede ist einzigartig! Und dennoch haben viele Teilnehmer einer Yogaklasse ein inneres Bild davon, wie ein*e echte Yogi*ni  aussehen sollte.  Der einen oder anderen Yogalehrer*in geht es übrigens auch so.

Die Bilder und Vorstellungen variieren je nach Yogastil: Hot Yoga (ehemals Bikram Yoga) wird zum Beispiel leicht bekleidet praktiziert. Alle Hot-Yoga-Übenden sind während der Yogapraxis früher oder später von einem glänzenden Schweißfilm überzogen.  Das Idealbild eines/er Hot-Yoga-Yogi*ni ist ein Körper mit gut definierter Muskulatur, am besten langliedrig. Auch der Erfinder des Hot Yogas, Bikram Choudhury,  hatte schön ausgebildete Muskeln und trug seine Sixpacks zur Schau. Würde aber ein rundlicher Hot-Yoga-Lehrer mit Bauchansatz  vor der Yogaklasse stehen und Anweisungen geben, dann wären viele Schüler*innen irritiert, selbst wenn er der beste Hot-Yoga-Lehrer der Welt wäre. Einige konservative Richtungen des Hathayoga sind intellektuell geprägt. Der Körper ist bedeckt, die Haare kurz  geschnitten oder streng zurückgebunden. Während des Übens wird weder gelächelt noch gelacht. Es wird vorausgesetzt, dass jede*r die Asanas meistern kann, wenn sie oder er eiserne Selbstdisziplin aufweist.   Der oder die ideale Kundalini Yogi*ni kann alle Yogapositionen ausüben (und das sind im Kundalini Yoga nicht wenige), er oder sie darf eher rundlich sein als sexy. Eine wohldefinierte Muskulatur muss nicht sein. Es ist jedoch ein Muss, die Streckposition mindestens für drei Minuten praktizieren zu können oder ohne Hilfsmittel die Krähe für drei Minuten zu halten und dabei den Feueratem ausüben zu können.

Es lohnt sich daher, das eigene Bild und Selbstbild zu überprüfen und gleichzeitig wahrzunehmen, was man für Vorstellungen von anderen hat. So wie kein Mensch wie der andere ist, so unterscheidet sich die Yogapraxis der einzelnen Personen. Wir sind unterschiedlichen Geschlechts, unterschiedlich alt, wir unterscheiden uns durch unseren Körperbau, unsere Vorerfahrungen, ob wir Kinder haben oder nicht.

Unsere Schulbildung und unsere Talente divergieren ebenfalls.  Schon früh wird uns Menschen eingetrichtert, dass wir nur dann gut sind, wenn wir anderen gleichen. Viele beginnen unbewusst zu wetteifern, denn wir sind seit früher Kindheit auf Wettbewerb konditioniert. Beste Schulnoten kurbeln die Ausschüttung von Glückshormonen an. So schielt so manche*r Yogaschüler*in zu ihrem/seinem Nachbar*in hinüber und fühlt sich als Gewinner*in, wenn sie/ er die Übung vermeidlich perfekter ausführt. Und nicht wenige Yogalehrer*innen bevorzugen unbewusst diejenige Person, die ihm oder ihr ähnlich ist und am besten in das eigene Yogabild passt.

Unsere Reinheit liegt in unserer Originalität. Unsere Intuition liegt in unserer Unschuld.  ~ Yogi Bhajan

Während Wettbewerb und Gleichheit zunächst wie Gegensätze erscheinen, sind sie doch untrennbar miteinander verbunden. Wenn wir uns messen, vergleichen wir uns notwendigerweise anhand sehr enger Kriterien mit anderen. Wir vergleichen uns mit denen, die uns eh schon gleichen. Daher ist der Vergleich die eigentliche Wurzel der Konformität. Bei unseren Versuchen, uns an anderen zu messen und anderen zu gleichen, schmeißen wir oft die Eigenschaften über Bord, die uns zu interessanten Individuen machen.

Wenn wir also das Vergleichen überwinden wollen, müssen wir zunächst unsere eigene Individualität annehmen. Wenn wir uns auf unsere eigenen und einzigartigen Gaben konzentrieren, bestärkt uns dies in dem Wissen darum, dass die Welt aus Individuen besteht, die jeweils einzigartig und unvergleichlich sind. Das bedeutet, dass du auf einzigartige Weise Yoga praktizierst. Wenn du dich nur mit Unterstützung in die tiefe Hocke begeben kannst, wenn du ich nur wenig nach vorne beugen kannst oder deine Arme definitiv zu kurz sind, um die „Bound Lotus KRIYA“ in Perfektion zu praktizieren, dann hole dir Hilfsmittel! Und ja, es ist in Ordnung, flexibel und langgliedrig zu sein und geschmeidig in jede Position gehen zu können. Nimm das als Geschenk! 

Du bist es dir selbst schuldig, du selbst zu sein. ~Yogi Bhajan

Perfektion bedeutet laut Duden ‚höchste Vollendung in der [technischen] Beherrschung, Ausführung von etwas; vollkommene Meisterschaft’. Perfektion ist also etwas grundsätzlich anderes als das Bestreben, sein Bestes geben zu wollen. Perfektionismus hat nichts mit Selbstverbesserung zu tun. Wenn jemand perfekt sein will, dann hat sie oder er  meist Angst vor Scham. Kurz gesagt: Perfektionismus ist die Überzeugung, dass wir uns vor Kritik, Urteilsvermögen oder Schuld schützen können, wenn wir perfekt aussehen, perfekt leben und perfekt handeln. Mit anderen Worten, Perfektionismus soll uns vor Scham und Schande schützen.

Das Leben als Perfektionist ist jedoch emotional ungesund, weil es das eigene Selbstwertgefühl von der Zustimmung oder Akzeptanz anderer abhängig macht. Perfektionismus ist nicht nur ungesund, sondern auch süchtig machend und selbstzerstörerisch. In der Tat ist Perfektionismus sinnlos, wie Perfektion selbst illusorisch ist!

Die Denkweise der Perfektionisten erkennt diese Fallen jedoch nicht. Immer wenn Perfektion nicht erreicht wird, geben sich  Perfektionisten selbst die Schuld für ihre Unfähigkeit und sagen sich, dass sie es besser machen MÜSSEN, unabhängig davon, ob dies tatsächlich möglich ist.

Perfektionismus kann zu einer Lebenslähmung führen.  Betroffene schaffen es aus Angst vor der eigenen, entblößenden Unvollkommenheit nicht, sich in die Welt zu begeben.  

Sie meiden zum Beispiel den Yogaunterricht, weil sie nicht zeigen wollen, dass sie ihren Körper nicht perfekt beherrschen. Es ist daher sehr wichtig, dass Yogalehrer*innen auch diejenigen respektvoll ansprechen, die offensichtlich aus dem eigenen Raster von Vollkommenheit und wie ein*e Schüler*in sein sollte herausfallen. Glücklicherweise können wir den Einschränkungen des Perfektionismus entgehen, indem wir einfach ehrlich mit unserer Angst vor Scham umgehen. Denke daran, dass du Dinge für dich selbst und nicht für andere tust. Wenn du zum Beispiel das nächste Mal ein Yogaset oder eine 40-Tage-Meditation praktizieren oder eine yogische Diät ausprobieren möchtest, dann lasse dich nicht von anderen motivieren. Sage dir stattdessen, dass du dich durch Bewegung und gesunde Ernährung besser und gesünder fühlen willst und dass dein yogischer Erfolg oder Misserfolg deinen Wert als Person nicht beeinträchtigt. Nutze dein eigenes schöpferisches Potenzial, um das Bedürfnis nach Vergleich aufzuheben

Wenn du verstehst, wer und was du wirklich bist, dann verbindet sich deine Ausstrahlung mit der universellen Ausstrahlung.  Alles um dich herum wird kreativ und ist voller Möglichkeiten. ~Yogi Bhajan

Beitragsbild: Image by Lisa Runnels from Pixabay, Fotos: Mohamed Hassan from Pixabay

Quellen Beitrag: The Teachings of Yogi Bhajan, Brene Brown: „The Gifts of Imperfection“

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