© shutterstock.com

Yogi Bhajan: Das Herzzentrum

Wir sprechen heute über das Herzzentrum. Die meisten Menschen wissen wenig über dieses Zentrum. Das Herzchakra besteht aus einigen Blüten, es hat etwas Energie, es hat dieses und jenes, das Wissen darüber kann man in der entsprechenden Literatur nachlesen. Doch was genau ist das Herzzentrum und was hat es mit diesem berühmten Kampf zwischen dem Kopf und dem Herzen auf sich?

Das Herz ist immer der Sieger
Das Herzzentrum trägt die Wärme, das Mitgefühl, die Leidenschaftlichkeit, die Freundlichkeit, aber auch den Hass eines Menschen in sich. Alles Wunderbare auf der Welt und alle Niedertracht dieses Planeten entstammen dem Herzzentrum. Wenn du mit deinem ganzen Herzen bei einer Sache bist, dann gibt dein Kopf klein bei. Daher ist das Herzzentrum das mächtigste und gleichzeitig das gefährlichste aller Zentren. Auf der anderen Seite ist das Herz das einzige Zentrum, für das es sich zu leben lohnt.

Die Arbeitsweise des Herzens
Das Herz pumpt dein gesamtes Blut durch deinen Körper und ernährt damit jedes einzelne deiner Organe. Es ist für Heilungsprozesse verantwortlich. Das Herz ist deine Lebensader und es dient dir ununterbrochen, bis es schließlich müde wird und sich verabschiedet.
Dieses Zentrum hat etwas sehr Konstantes und besteht aus zwei Teilen. Der eine Teil ist körperlich, der andere ist elektromagnetisch. Das Herz ist ein Organ, welches eine eigene elektromagnetische Wellenlänge und Zusammensetzung hat. (Forschungen der Neurokardiologie kamen zu dem Ergebnis, dass das Herz das stärkste und umfassendste rhythmische elektromagnetische Feld des menschlichen Körpers besitzt. Anmerkung der Übersetzerin). Es existieren eine Millionen Worte und Redensarten, die mit dem Herzen assoziiert sind: ‚Öffne dein Herz!’ ‚Ich hasse jemanden aus dem tiefsten Grunde meines Herzens.’ ‚Mein Herz schlägt für jemanden oder für etwas.’

Leidenschaft plus Intuition
Wir verpfuschen unser Leben meistens wegen unseres Herzens, weil das Herz unsere Leidenschaften kontrolliert und wenn Passionen nicht durch die menschliche Intuition gegengeprüft werden, dann wirken sie zerstörend. Das ist ein Gesetz, das ich nicht ändern kann. Ich habe nichts gegen Leidenschaftlichkeit, doch zu neunzig Prozent sind die Leidenschaften und nicht das Mitgefühl die Ursache von Schmerzen, denn neunzig Prozent der Leidenschaften sind nicht mit der Intuition verbunden.
Du musst leidenschaftlich sein und du wirst Leidenschaften haben, doch Leidenschaftlichkeit minus Intuition führt zur Selbstzerstörung. Punkt. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Das kann so zerstörerisch werden, dass man beginnt, sich selbst zu verfluchen. Sich überschneidende Leidenschaften können menschliches Leiden dermaßen vervielfachen, dass Betroffene darüber wahnsinnig werden.

Yogi Bhajan

Yogi Bhajan

Negativität
Ich könnte ein ganzes Jahr lang über dieses Zentrum sprechen, ich kenne es so gut. Ich erinnere mich daran, dass ich als elfjähriges Kind eine Entscheidung traf. Ich wollte niemanden mehr negativ behandeln, weil ich gerade in einem Buch gelesen hatte, dass Menschen, die unter dem Sternzeichen der Jungfrau geboren sind, einen sehr kritischen und negativen Wesenszug haben. Sie genießen Kritizismus und Negativität, können das aber gut unter dem Deckmantel der Perfektion verstecken. Ich sagte: „Mein Sternzeichen ist das der Jungfrau!“ Jemand anderes sagte: „Nein, du wurdest auf der Grenze zwischen Jungfrau und Löwe geboren.“ Ich sagte: „Das ist ja noch schlimmer, denn Löwen haben Krallen.“

Ich entschloss mich also dazu, niemanden mehr zu negieren, außer, wenn es im Interesse der anderen Person liegen würde. Das ist tatsächlich eine der herausforderndsten Entscheidungen meines Lebens gewesen, denn wenn man sich negativ fühlt und dann negativ spricht, das kann sehr befreiend wirken! Wenn man sich schlecht fühlt und nichts Schlechtes sagt, das ist wirklicher Stress, denn dein negativer Mind ist ja automatisch da und er ist darüber hinaus essentiell wichtig, weil er dein Leben schützt. Der einzige Weg also, sich negativ zu fühlen und nicht negativ zu handeln, ist, die Negativität hinunterzuschlucken und zu verdauen. Das verursacht einen großen Druck.

Nach einigen Tagen war ich ziemlich durcheinander. Warum hatte ich mir nur dieses Versprechen gegeben? Ich ging also zu meinem Lehrer und sagte: „Ich hatte beschlossen, niemals etwas Negatives zu einem Menschen zu sagen, aber verdammt noch mal, Sir, das war eine sehr schlechte Entscheidung , die ich da getroffen habe und sie ist falsch: Wenn man etwas Wahres sieht und man sagt es nicht, das ist Feigheit.“ Er lachte und antwortete: „Wenn du eine Wahrheit sagst und damit jemanden verletzt, dann ist diese Wahrheit schlimmer als eine Lüge.“

Leidenschaft und Wut
Leidenschaft ist wunderbar, sie bewegt dich, sie bedeutet Lebendigkeit, sie pumpt Leben durch dich, so wie das Herz Blut durch deinen Körper pumpt. Leidenschaft wird jedoch nicht Leidenschaft bleiben. Leidenschaft bedeutet immer, dass man hinter etwas her ist. Wenn deine Wahrheit sich aber mit der Leidenschaft vermischt und diese Wahrheit dir sagt, dass eine Person unrecht hat oder sie dir im Wege ist, dass die andere Person destruktiv oder sie einfach einen schweres Hindernis für dich ist, dann kann das eine beständige blinde Wut in dir kreieren.

Leidenschaftlichkeit ist großartig, um erfolgreich zu sein, doch wenn sich deine subjektive Wahrheit oder Unsicherheit mit der Leidenschaft verbindet, dann kann das aus dir einen seine Umgebung quälenden Pipifax machen, denn deine Leidenschaftlichkeit möchte, dass du siegreich bist und wenn du das Gefühl hast, dass einige Menschen deiner Leidenschaft im Wege stehen , dann gibt es Krieg. Aus diesem Grunde sind sechzig bis siebzig Prozent des Lebens eines Menschen vergeudet.
Analysiere alles in deinem Leben, du wirst herausfinden, es war deine Leidenschaft, deine Unsicherheit, deine Wut und das Nicht-Vorhandensein einer zukunftsorientierten Intuition, du warst nicht in der Lage, das ganze Bild zu sehen, es war deine Nicht-Universalität, die dir diese Schmerzen bescherte

Mitgefühl mit dir selbst
Diejenigen, die es gesehen und trotzdem nicht gesehen haben, die haben sich ein „Wahe Guru“ für diese großartige Leistung verdient (Jinna veik ki andett githa). Was bedeutet dieser Satz? Du siehst etwas, wie kannst du so tun, als ob du es nicht gesehen hast? Irgendetwas hast du ja gesehen. Die Antwort ist: Wenn ein Doktor zum Beispiel Krebs an einer Person erkennt, dann sollte er keinesfalls selbst zu diesem Krebs werden. Er sieht ihn, er kann ihn behandeln, er kann einen Rat geben, er kann ihn ignorieren oder er kann einfach dankbar dafür sein, dass er keinen Krebs hat.

Das außerordentlichste Gefühl, das ein Mensch während seines Lebens genießen kann, ist, wenn er Mitgefühl mit sich selbst empfinden kann. Ich bitte euch nicht darum, Mitleid mit anderen zu haben, ich wünsche mir, dass ihr Mitgefühl mit euch selbst habt. Das ist das Letzte, was Menschen jemals lernen, doch Mitgefühl mit dem eigenen Selbst ist der Schlüssel und zugleich das Tor zum Glück.
Wenn du dem Irrtum erliegst, dass du Mitleid mit anderen haben solltest, dann täuschst du dich selbst. Dein Mitleid bedeutet anderen nichts, es ist dein Drama, es ist deine Handlung. Mitgefühl sollte für dich da sein, sei extrem mitfühlend mit dir selbst und gebe dich keinen unnötigen Molesten hin. Schätze deine Nervenkraft, deinen Geist und dein Leben ganz genau ein. Die Leute sagen, ‚habe Mitleid, habe Mitleid’. Wenn du Mitgefühl haben willst, dann sei mitfühlend mit dir selbst, andere können ihr Leben selbst handhaben. Es geht um dein Leben, du solltest mit deinem Leben umgehen können.
Jede Religion lehrt Mitleid mit anderen. Das ist ein Fehler. Diene anderen, sei freundlich zu deinen Mitmenschen, aber habe Mitgefühl mit dir selbst. Sei gut zu deinen Mitmenschen, hilf anderen, sei nett zu anderen, diese Adjektive sind alle stimmig und richtig, aber habe niemals Mitleid mit anderen, bevor du kein Mitgefühl mit dir selbst hast, sonst bist du scheinheilig.

© alter-ego, shutterstock.com

© alter-ego, shutterstock.com

Selbstliebe
Scheinheiligkeit beziehungsweises Hypokrisie (eigentlich vom Schauspieler, der eine Rolle spielt) oder Verstellung bedeutet, dass du so tust , als seiest du echt und du aber gar nicht echt bist. Das kann nur geschehen, wenn du kein wirkliches Mitgefühl mit dir selber hast. Das Herzzentrum beziehungsweise stellt sicher, dass du sowohl mitfühlend mit dir selbst als auch leidenschaftlich sein kannst, du kannst deine Leidenschaft auf jemand anderen richten und mit deiner Intuition und deinen Handlungen auf diese Person projizieren, aber um das tun zu können, musst du selbst leidenschaftlich SEIN. Leidenschaft und Mitgefühl sind wie die zwei Seiten einer Medaille und sie dienen dem Selbst. Ich liebe mich selbst leidenschaftlich, wenn ich mich nicht leidenschaftlich selbst lieben würde, dann würde ich auch jemand anderen nicht lieben können, alles andere wäre Verstellung. Wenn ich kein Mitgefühl mit mir selbst hätte, dann würde ich nichts verstehen.
Wenn du kein Mitgefühl mit dir selbst hast, dann wird sich das in deinem Verhalten spiegeln. Du wirst die Gefühle der anderen Person nicht genau und nicht intuitiv verstehen können. Punkt. Freundschaften werden nicht halten , Beziehungen werden nicht von Dauer sein, Ehen werden auseinandergehen, wenn man keine Leidenschaft für das Leben und kein Mitgefühl mit sich selbst hat. Man weiß dann nicht, worum es in diesem verdammten Leben überhaupt geht. Kein Problem, ja, wir können reden, wir können Spielchen spielen, wir können unsere Worte nutzen, wir können diplomatisch sein, wir können mit unserem guten Benehmen durchkommen. Doch denke immer daran: Die Sprache des Herzens kann man vom Gesicht ablesen, was immer in deinem Herzen ist, das wird sich auf deinem Gesicht zeigen und darüber hat niemand die Kontrolle. Gut, du kannst lügen und dein Gegenüber kann deine Aura nicht berühren. Das ist okay. Aber das, was in deinem Herzen ist, deine Antriebskraft, das wird sich auf deinem Gesicht spiegeln und du wirst es nicht verstecken können.

Gebet
Lass uns , verbunden mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen fühlen, lass uns auf diese Weise ihre Nöte, ihr Leben und auch ihren Tod wahrnehmen. Lass diejenigen, die sterben, in Frieden gehen und diejenigen, die leben, in Frieden leben. Lass diejenigen, die kämpfen, in Frieden kämpfen. Unser Gebet ist für den Frieden. Unser Gebet heute ist mit der Hoffnung verbunden, dass alle Wesen mit Ruhe und Frieden gesegnet sein mögen. Herr, schenke allen Frieden und Gelassenheit.
Sat Nam
Auszüge aus einem Vortrag von Yogi Bhajan, gehalten in Los Angeles am 12. Februar 1991

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>