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Yin und Yang im Yoga

Das sogenannte Yin-Yang- oder Taijitu–Symbol (übersetzt „Symbol der höchsten Lebensenergie, des höchsten Lebensprinzips“) ist vielen Menschen bekannt. Trotzdem fragen sich vielleicht einige, was für eine Bedeutung es haben mag. In dem Bildzeichen wird das weiße Yang (mit den Eigenschaften hell, hart, heiß, männlich, aktiv, Bewegung, das Schnelle, die Fülle, das Analytische) und das schwarze Yin (mit den Eigenschaften wässrig, dunkel, weich, kalt, weiblich, passiv, Ruhe, die Dauer, die Leere) sich gegenüberstehend dargestellt. Das bedeutet, dass die Pole Yin und Yang einander entgegengesetzte und gleichzeitig aufeinander bezogene Kräfte sind. Die wechselseitige Beziehung der beiden Endpunkte Yin und Yang wird in dem Taijitu-Symbol dadurch betont, dass das Dunkle als Fleck im Hellen und das Helle als Fleck im Dunklen dargestellt sind.

yin-1341378_1920Der Kreis selbst ist wiederum ein uraltes Symbol, das die Sonne als auch den Mond verkörpern kann, er ist daher ein Symbol der Einheit und Ganzheit. Das Schwarze und das Weiße innerhalb des Taijitu-Kreises erinnert in seiner Grundform an zwei Blätter mit spitz zulaufenden, gebogenen Enden oder an zwei große Kommas. Da der Kreis darüber hinaus für die Wiedergeburt steht und die Darstellung der Bildzeichen Yin und Yang innerhalb des Taijitu-Kreises als etwas Dynamisches dargestellt werden, steht dieses
wunderbare Symbol überdies für Veränderung und Transformation.

Man beschreibt Yin und Yang ganz oft als das ‚Männliche’ und das ‚Weibliche’, doch diese Betrachtungsweise ist zu kurz gefasst. Genauer wäre es zu sagen, dass das Yin für das Empfangende und Passive steht – Yang steht für das Gebende und das Aktive. Yin und Yang treten wechselseitig in den Vordergrund. Sie sind als Lebensprinzipien in jedem Wesen und allem Tun zu finden, sie sind Bestandteil einer jeden Frau und eines jeden Mannes. Sie durchdringen alle Lebensprozesse und so kann das Taijitu sehr gut zur Erklärung von Geschehnissen, Mechanismen und Abläufen angewandt werden.

belly-1616246_1920 Zu Beginn eines jeden Lebens steht immer eine Schwangerschaft. Man könnte verkürzt sagen, dass eine Schwangerschaft viele Yin-Elemente aufweist, sie dauert, sie geschieht (Passivität), Gelenke und Muskeln werden weicher, das Wasserelement tritt in den Vordergrund. Ein Zuviel an Yang-Energie, also an Hitze, an Aktivität, an Härte und Schnelligkeit könnte sogar zu vorzeitigen Wehen führen. Ein zu geringes Maß an Yang-Energie würde allerdings die Entwicklung des Babys behindern, denn der Stoffwechsel der Mutter könnte nicht funktionieren (Hitze), das Baby wäre zu wenig stimuliert (Bewegung), ausgeglichene Aktivitäten (Yang) sind also wichtig für die Gesundheit der Mutter und des Kindes.

In der Teenagerzeit überwiegt das Yang-Prinzip. Viele Heranwachsende lieben Aktivitäten, ihnen macht Schnelligkeit und der Wechsel scheinbar wenig aus, normalerweise wird sich gerne bewegt, getanzt, die Nächte werden zum Tag gemacht. Nicht selten fürchten sich Jugendliche vor den Eigenschaften des Yin-Prinzips, vor der Leere, dem Passiven, der Dauer und der Ruhe. Und doch sind gerade diese Eigenschaften maßgeblich, um sich von den Anforderungen der Schule und der Peer-Groups zu erholen und um den Organen und dem Nervensystem Ruhe zu gönnen, neue Kräfte zu sammeln und um sich selbst zu spüren.

flame-1789451_1920Berufe, die schnelle und zielgerichtete Entscheidungen verlangen, die die Fähigkeit zur Analyse als notwendige Vorbedingung haben, bei deren Ausübung man viel reist und aktiv sein muss, betonen das feurige Yang-Prinzip. Um nicht auszubrennen, ist es aber wichtig, sich immer wieder Zeiten der Ruhe und der Leere zu gönnen, diese zu genießen, sich in der Freizeit auch an der Passivität zu erfreuen und nicht jede Nacht zum Tage zu machen. Vielleicht ist es hier angeraten, den sogenannten Feierabend wieder zu zelebrieren, das ist die Freizeit im Anschluss an einen Arbeitstag.

Tätigkeiten, die beratend sind und im Heilbereich ausgeübt werden, bedürfen einer inneren Ruhe und Leere, damit überhaupt ein Kontakt zwischen zum Beispiel Coach und Klient, zwischen Hebamme und Patientin, zwischen Heiler und dem Kranken hergestellt werden kann. Das Yin-Prinzip ist hier am wirken, oftmals geht es darum, verletzten Gefühlen Raum zu geben, es geht um heilende Kühle (damit ist keineswegs Gefühlskälte gemeint, sondern ein ruhiges, unaufgeregtes Temperament), um einfach sein zu dürfen, wer man ist. Das Yang-Prinzip ist unterstützend wirksam, wenn es darum geht, wieder loszulassen, was man an sich gezogen hat, das Alte zu verbrennen, aber auch um zum Beispiel berufliche Termine zu organisieren, für sich zu werben oder berufliche Ziele zu stecken und zu erreichen.

Yin und Yang im Yoga

Die oben genannten Beispiele stehen stellvertretend für viele unserer Lebensbereiche. Die beiden Kräfte Yin und Yang können mit den beiden Polen Ida (die Kühlende) und Pingala (die Rötliche) verglichen werden. Ida und Pingala gehören zu den drei Hauptnadis (feinstoffliche Energieleitbahnen), die den Körper mit Vitalenergien (Prana) versorgen. Ida verläuft die Wirbelsäule entlang und mündet im linken Nasenloch und Pingala verläuft dementsprechend bis in das rechten Nasenloch. Gemäß der Yoga-Lehre wird Ida dem weiblichen Prinzip (Qualitäten: kühlend, beruhigend) und Pingala dem männlichen Prinzip zugeordnet (Qualitäten: erhitzend, anregend). Die dritte feinstoffliche Energieleitbahn ist die Sushumna (gnädig, huldreich). Sie ist der wichtigste Nadi und verläuft vom Steißbein bis zum Oberkopf.

shutterstock_163492337Das Yoga lehrt uns, dass Ida und Pingala einander entgegengesetzte und gleichzeitig aufeinander bezogene Energien sind, die unser Leben, unser Tun, unsere Ruhephasen und letztendlich unser Sein auf diesem Planeten durchdringen und wie man bei Bedarf die aktiven und passiven Energien ausgleichen, stimulieren oder entspannen kann, je nachdem ob man mehr Ruhe oder mehr Power benötigt.

Kundalini-Yoga beinhaltet viele meditative Elemente, die Yoga-Übungen dauern oftmals drei bis fünf Minuten lang, man lässt während des Haltens innerlich los, man atmet lang und tief. Diese Qualitäten stärken das Yin-Prinzip. Gleichzeitig werden einige Asanas von dem Feueratem begleitet, man übt zielgerichtet, viele der Übungen werden mit schnellen Bewegungen praktiziert. Diese Merkmale stärken die Yang-Energie. Kundalini-Yoga tanzt mit den elementaren Lebenskräften, betont einmal das eine, dann wieder das andere Prinzip und wirkt bei genauer Betrachtung transformierend. Kundalini-Yoga arbeitet immer wieder an dem Ausgleich, so dass der oder die Praktizierende am Ende glücklicher, gesünder und heiler wird.

Stärke deine Lebenskräfte    

Unsere globalisierte Gesellschaft fokussiert auf die anregende, männliche, immer wache Pingala-Qualität und das kühlende, beruhigende, weibliche Ida-Prinzip wird eher als Schwäche wahrgenommen. Dabei ist ein Gleichgewicht zwischen den beiden Polen erstrebenswert. Ida schenkt uns Ruhe und Kühle und unterstützt uns darin, nicht auszubrennen. Pingala macht uns wach, feuert uns an, stärkt unsere Zielgerichtetheit.

Stärke dein Yin-Kraft, die weibliche Energie in dir, indem du dir erlaubst, einfach einmal nur zu sein, zeitlos, indem du auf eine ausgeglichene Beleuchtung achtest, nachts Dunkelheit zulässt, indem du bewusst entspannst und dem Weichen in dir Raum schenkst. Das Atmen durch das linke Nasenloch stärkt genau diese Qualitäten, denn dann wird Ida angeregt. Du kommst zur Ruhe.

Wenn weiche und passive Energien im Leben vorherrschen, der Blutdruck niedrig ist, wenn man mehr Feuer und Aktivität in sein Leben einladen möchte, dann ist es angeraten, sich zu bewegen, aktiv zu werden und durch das rechte Nasenloch zu atmen, um Pingala zu aktivieren und sich mit den Yang-Qualitäten zu verbinden.

stone-pile-1307644_640Das uralte Yin und Yang Bildzeichen steht letztlich für den Ausgleich und die Balance der unterschiedlichsten Pole in uns und um uns herum. Das faszinierende an dem Symbol ist aber, dass der Prozess in Balance zu kommen, als eine Dynamik dargestellt wird, die durchaus transformierende und verändernde Entwicklungen miteinbezieht.

‚Yin und Yang, männlich und weiblich, hart und weich, Himmel und Erde, Licht und Dunkel, Donner und Blitz, kalt und warm, gut und schlecht… das ist die Wechselwirkung der gegensätzlichen Prinzipien, die das Universum formen.’
~ Konfuzius

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