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Vom Alleinsein der Seele

Seit Urzeiten bewegt die Furcht vor der Einsamkeit die Menschen aller Kulturen. Auf der anderen Seite genießen viele die Freuden des Alleinseins.Die Empfindung der Einsamkeit beinhaltet, dass man sich als ausgeschlossen, verlassen, ungeliebt und als nicht dazugehörig wahrnimmt. Einsamkeit kann in ihrer Schmerzhaftigkeit einer physischen Verletzung oder einer Krankheit ähneln. In der Geschichte der Menschheit ist die Zugehörigkeit zu anderen überlebenswichtig gewesen. Nicht ohne Grund ist die schlimmste Strafe, die Kulturen weltweit über ihre abtrünnigen Mitglieder verhängen, die Isolation von der Gruppe, etwa als Ausstoß aus dem Clan oder als Einzelhaft. Ausschlaggebend für die Diagnose Einsamkeit ist nicht die An- oder Abwesenheit anderer Menschen. Zum Beispiel muss ein Single sich nicht zwangsläufig einsam fühlen und ein Mensch kann sich trotz Partnerschaft unendlich verlassen vorkommen. Das „Einsamsein“ ist also vom „Alleinsein“ zu trennen – während die Einsamkeit mit einem unangenehmen Gefühl verbunden ist, bezieht sich das Wort „allein“ nur auf eine Zustandsbeschreibung. Im Alleinsein wiederrum kann ein Mensch sich als verbunden mit allen und allem wahrnehmen. Alleinsein kann durchaus angenehm sein, weil der Mensch seiner Natur nach nicht nur nach sozialen Kontakten und sozialer Einbindung sucht, sondern auch nach Unabhängigkeit.

Wirkliche Einsamkeit hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, wie alleine man ist.
~ Charles Bukowski

Foto: ©Engin_Akyurt, pixabay.com

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Einsamkeit
Untersuchungen haben ergeben, dass die Angst vor Einsamkeit gleich hinter der Angst vor Krankheit und der Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes steht.
Einsame sind demnach überall anzutreffen; man kann an seinem Arbeitsplatz, als Jugendlicher, in einer Partnerschaft, inmitten der Kinder und Enkelkinder, trotz Aktivitäten in sozialen Netzwerken, also kurz gesagt in Gesellschaft vereinsamen und nicht nur, wenn man ohne Kontakte und ganz allein für sich lebt. Ist ein Mensch in Gesellschaft einsam, dann weist das auf eine tiefe Unzufriedenheit mit den schon bestehenden Beziehungen hin.

Bei den meisten Menschen ist die Einsamkeit ein vorübergehender Zustand, sie schleicht sich von Zeit zu Zeit in fast jedes Leben, vielleicht, wenn man in eine andere Stadt zieht, wenn man Rentner wird, den Arbeitsplatz wechselt, wenn das Kind auszieht, auf einer Party, auf der man niemanden kennt oder wenn der Lebenspartner verstirbt. Man könnte fast behaupten, dass nach großen Veränderungen auch immer eine Phase der Einsamkeit kommt.

Bei manchen Menschen wird das Einsamsein allerdings zu einer Dauerbegleitung. Dieser Personenkreis versteinert buchstäblich und ist nicht mehr in der Lage adäquat zu kommunizieren, zu geben oder zu nehmen. Für diese Menschen kann die Einsamkeit zu einem regelrechten Gefängnis werden.

©jill111, pixabay.com

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Alleinsein
„An sich selber so viel zu haben, dass man der Gesellschaft nicht bedarf, ist schon deshalb ein großes Glück, weil fast alle unsere Leiden der Gesellschaft entspringen.“
~ Arthur Schopenhauer

Alleinsein und Einsamkeit zu unterscheiden ist äußerst wichtig, denn beides hat zunächst einmal nichts miteinander zu tun. Ob das Alleinsein als Einsamkeit empfunden wird, liegt daran, ob die Situation freiwillig gesucht oder ob sie von außen bestimmt wurde. Ein Alleinsein, für das man sich selbst aus freien Stücken entschieden hat, wird oft als sehr befreiend und wohltuend erlebt.

„Alleinsein und Stille sind zwei Aspekte einer einzigen Erfahrung, zwei Seiten derselben Münze. Wenn man Stille erfahren möchte, muss man total in sein Alleinsein gehen. Dort ist sie zu finden.
Wir werden allein geboren, wir sterben allein. Zwischen diesen beiden Gegebenheiten erschaffen wir uns tausendundeine Illusion darüber, dass wir verbunden sind – in allen möglichen Beziehungen, mit Freunden und Feinden, Liebes- und Hassbeziehungen, Nationen, Rassen, Religionen. Wir erschaffen alle möglichen Halluzinationen, nur um einer Tatsache zu entgehen: dass wir allein sind. Doch was auch immer wir tun, wir können die Wahrheit nicht verändern. Es ist einfach so, und anstatt zu versuchen dem zu entfliehen, ist der beste Weg diese Wahrheit zu genießen.
Dein eigenes Alleinsein zu genießen, das ist was Meditation ausmacht. Der Meditierende ist jemand, der tief in sein Alleinsein eintaucht und der weiß, dass wir allein geboren werden, dass wir allein sterben werden und in der Tiefe allein sind. Warum also nicht erfahren, was dieses Alleinsein ist? Es ist unsere wahre Natur, unser reines Sein.“
~Osho, The Sound of One Hand Clapping, Talk #1

Befreiung aus der Einsamkeitsfalle
Man kann sich nur durch eigene Aktivitäten aus der Fallgrube Einsamkeit befreien. Wichtig ist zu schauen, in welchem Rahmen man tätig werden möchte. Der Ort, von dem aus man Kontakte aufbaut, sollte sich sicher anfühlen. Um Kontakte herzustellen, sind beispielsweise Ehrenämter geeignet, wie etwa seine Dienste im Tierheim, in der Flüchtlingshilfe oder Nachbarschaftshilfe anzubieten. Anderen etwas Gutes zu tun, wirkt gleichzeitig stärkend auf das eigene Selbstwertgefühl. Hobbys gemeinsam mit anderen zu genießen ist eine andere Möglichkeit, sich aus seinem Einsamsein zu befreien. Es ist wichtig, sich konkret auszusuchen, wem man sich nähern möchte und das auch konzentriert zu versuchen. Maßgeblich hierbei sind echtes Interesse am anderen und eine Kontaktaufnahme, die nicht gleich auf hochgeistige Themen und Ewigkeit fokussiert ist.

Einsame Menschen denken sehr negativ über sich. Sie sind zum Beispiel der Meinung, dass sie allen gleichgültig seien, dass sie nichts zu bieten hätten, dass sie niemand verstünde, dass mit ihnen etwas nicht stimmen würde oder sie nicht attraktiv seien. Negative Gedanken machen einsam.

Menschen, die sich als zugehörig wahrnehmen, nehmen sich selbst an. Sie glauben, dass sie anderen etwas geben können. Diese Menschen können ihre Schattenseiten erkennen und akzeptieren. Darüber hinaus können sie mit der Ablehnung anderer umgehen. Sie sind in der Lage, ihre Mitmenschen mit ihren Schwächen zu akzeptieren.
„Expect the best!“ ~ John Cacioppo, Einsamkeitsforscher (TED Vortrag über Einsamkeit, leider nur auf Englisch)

Die Freuden des Alleinseins
Das Praktizieren von Yoga- und Meditationstechniken lehrt dich, dein Alleinsein zu genießen. Mantren (positive Meditationswörter) schenken Kraft und stärken das Selbstwertgefühl. Das Mantra ‚Sat Nam’ zum Beispiel bedeutet übersetzt ‚wahres Selbst’ und impliziert, dass du ‚richtig’ bist und schon alles in dir trägst, was du brauchst, um ein erfülltes Leben zu leben. Behandle dich also liebevoll, gönne dir eine schöne Massage, bereite dir ein warmes Mahl oder ein wärmendes Getränk zu. Entspannungstechniken wirken entstressend und helfen, sich am All-Eins-Sein zu erfreuen.
Manchmal allerdings ist eine Therapie angeraten, um Ursachenforschung zu betreiben und sich individuelle Bewältigungsstrategien gegen die Einsamkeit zu erarbeiten.

yogibhajanYogi Bhajan: Einsamkeit in Einheit verwandeln
Du weißt nicht, wer du bist. Du weißt nicht, dass du einzigartig bist. Du bist EINS. Aber du hast das Einssein in dir noch nicht gefunden, daher sind andere Menschen in der Lage, dir alles wegzunehmen. Aus diesem Grunde möchtest du deine Kontakte pflegen, du wünschst dir Gemeinschaft und Beziehungen. Doch diese Beziehungen sind oft von seltsamer und heftiger Natur. Aber du möchtest darauf nicht verzichten, denn die Beziehung zu dem Einen in dir ist noch nicht aufgebaut.

Ich sage nicht, dass du keine Beziehungen zu anderen Menschen haben solltest, dass du nicht freundlich und dienstbar sein darfst oder dass du keinen Spaß mit anderen haben kannst. Alleinsein bedeutet, dass du dich in einem Bewusstseinszustand befindest, in dem alle DU sind. Dieses Einssein, dieses Alleinsein, ist ein Bewusstseinszustand, in dem du nichts anderes als Dich selbst sehen kannst. Ein Fokus, ein Bild, eine Meditation, ein Bewusstsein, ein Gefühl, eine Emotion.

Was ist Schmerz? Du erfährst keine Befriedigung. Wie kannst du Erfüllung erleben, ohne dass du das Alleinsein als deinen höchsten Bewusstseinszustand akzeptierst? Was geschieht, wenn du Ekstase erlebst? Du möchtest hinauf, du möchtest mehr, du möchtest höher. Wenn du den Gipfel erreicht hast, dann wirst du Eins. Allein. Ausschließlich. In diesem exklusiven Augenblick des Einsseins, des Alleinseins, erwacht das Eine in dir. In dir ist diese unendliche Lehrerin, den man ‚Seele’ nennt. Du hast danach gefragt, du hast dafür gearbeitet und tust es immer noch. Und dann weinst du?

Der Sinn des Lebens ist, einen Bewusstseinszustand zu erlangen, in dem du keine Peergroup mehr benötigst. Punkt. Nur dann kannst zu einem(r) Gebenden werden. Vorher kannst niemandem irgendetwas geben; du bist noch in das Geschäft des Gebens und Nehmens verwickelt. Aber wenn du um des Gebens Willen lebst, dann wirst du zu Ik=Eins. Dann brauchst du keine Peergroup mehr. Die ‚Eins’ steht sehr allein. Sie hat ihren eigenen Anfang, ihr eigenes Ende und ihren eigenen Prozess.

Alle haben Angst vor dem Alleinsein. Sie wissen nicht, was sie mit ihrem Alleinsein anfangen sollen, weil sie nicht wissen, wie man gibt. Gib dein Alleinsein – dieses Einssein, diese Ekstase, dieses Zustand eines höheren Bewusstseins – dann wirst du zum Himmel werden und der Himmel wird zu dir.

Alles was du tun musst, ist andere Menschen zu erheben, die Einheit mit anderen teilen, diese wunderbare Art des Alleinseins und die Menschen wissen lassen, dass es gut ist, allein zu sein. Weil „allein“ drei Dinge in sich birgt: Reinheit, Unendlichkeit und Würde. Wenn diese drei Qualitäten zusammenfinden und sich verbinden, dann entsteht echtes Alleinsein. Jemand wird eins.‚Ich bin – ich bin.’

Du kannst dein Ziel niemals erreichen, wenn du nicht prüfst, wohin du fahren musst und welche Straße oder Autobahn du nehmen musst. Bezüglich der Reise einer Person heißt es Ziel und auf die Reise der Seele bezogen wird es Bestimmung genannt. Letztlich gibt es keinen Unterschied. Und jeder reist allein. Auch der Fahrer, der sechs Mitreisende im Auto hat, ist allein. Er ist der designierte Fahrer. Designation, Entfernung, Bestimmung. Es ist die gleiche Sache. Du als Mensch bist designiert für die Bestimmung eins zu werden. Es ist eine sehr, sehr einsame Straße. Niemand kann mit dir reisen, mit dir mithalten, dich wirklich verstehen oder bei dir sein, weil du einzigartig bist, von der Kraft kreiert, die wir zum besseren Verständnis ‚Gott’ nennen.

Der Tod bedeutet, man geht nach Hause – und es ist für jeden gesorgt! Eins steht am Anfang, Eins ist jetzt und Eins wartet am Ende. Ihr, die ihr hier sitzt, begreift nicht, dass der Anfang und das Ende das Gleiche sind. Die Schönheit des Lebens ist, dass der Anfang, das Jetzt und das Ende das Gleiche sind. Man nennt es Leben, man nennt es Liebe. Und man nennt es Sein – im Jetzt sein…

Alleinsein bedeutet keinesfalls, dass du nichts mehr mit anderen teilen kannst. Alleinsein ist ein anerkannter und guter Bewusstseinszustand, denn Erleuchtete realisieren. Wenn jemand sich einsam fühlt, sich selbst nicht liebt, dann rollen die Tränen und man fühlt Schmerzen. Das hat nichts mit diesem einzigartigen Alleinsein zu tun, das du wahrzunehmen kannst, wenn du die Einheit mit dem einen erfährst. Unbewusst strebt ihr alle diese Einheit an, ihr verneint sie jedoch bewusst.

Wenn du nichts mehr sagen, nichts mehr darstellen und nichts mehr tun musst, wer bist du dann? Weißt du, wer du in diesem Falle bist? Du bist ein Leuchtturm, so dass niemand, der sich in deiner Nähe befindet, Schiffsbruch erleiden muss. Verbreite das Licht. Sei das Leuchtfeuer, so dass jede Reise, jedes Ziel, jede Entfernung gesichert ist.
Was hast du während des letzten Glockenschlags des Lebens zu geben, warum gibst du dich nicht selbst? Warum stirbst du nicht, während du lebst? Übersetzt bedeutet ‚tot während du lebst’ ‚Mitgefühl’. Du bist in einem Zustand von Mitgefühl, wenn alle ‚du’ sind. Dann wirst du keine Angst mehr verspüren, nicht mehr auf Rache sinnen, weil du allein bist. Alleinsein, die Einheit, ist die letztgültige Realität von Zeit und Raum. Alle Tattwas (fünf Elemente, aber auch Wirklichkeit) verweben sich und werden eins.
© Yogi Bhajan, Auszüge aus einem Vortrag vom 29. März 1987

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