Qi Rattan (kleines Format)

“East meets West”, Teil 2 – Mantramusik bei den Beatles

Qi Rattan Gitarre und Tabla“Zumindest glaubten die Beatles an sich selbst. Sie suchten sich das Studio 2 in den Abbey Road Studios ganz bewusst aus. Sie wollten genau diese Umgebung für ihre Aufnahmen haben. Doch wir können unser Potential nicht sehen. Wir sehen uns selbst oft nicht. Damit begrenzen wir uns. Würden wir unser Potential wahrnehmen, dann könnten wir unsere Talente leichter leben!”  ~Jagdeep Kaur

Dies ist der zweite Teil eines Interviews mit dem Duo Qi–Rattan. Vom Anfang bis zum Ende unserer Gesprächszeit war ich fasziniert und berührt von den Schilderungen ihres Lebens und ihres Werdeganges. Ich fand Amritpal Singhs und Jagdeep Kaurs Erzählungen und Einsichten von A bis Z fesselnd! Wir haben daher beschlossen, das umfangreiche Gesprächsmaterial in vier Abschnitte zu teilen und es euch als Serie mit dem Titel “East meets West” zu präsentieren.
“East meets West”, das ist letztendlich nicht nur Lebensrealität des Duos Qi-Rattan. Diese Realität wirkt in das Leben einer jeden Kundalini Yogini und eines jeden Kundalini Yogi hinein. Ob sie oder er die Kundalini Yoga Übungen, die Meditationen beziehungsweise Mantren praktiziert, die Yogalehrerausbildung absolviert, regelmäßig nach Indien reist, um an den Re Man Meditationen mit Guru Dev Singh oder anderen Kursen teilzunehmen oder weil vielleicht sogar ein Kind die Miri Piri Academy in Amritsar/Indien besucht.

Amritpal – Du hast ein besonderes Kirtanprogramm auf die Beine gestellt. Was genau geschieht da?
Diese Programme sind letztendlich informelle Treffen bei jemandem zu Hause. Wir kommen zusammen. Kirtanis (spirituelle Sänger aus der Sikhtradition, die sich selbst meist mit einem Harmonium begleiten) treten auf. Wir chanten in der Form von in Ruf-und-Antwort. Ich begann mit der Organisation dieses Programmes im Jahre 2008. Es gibt ein paar besondere Regeln für die Musiker: Jeder darf nur 15 Minuten spielen und es muss etwas sein, was noch niemals vorher aufgeführt wurde. Die Musiker müssen also vorher etwas Neues lernen. Alle teilnehmenden Musiker müssen das Mitglied der Sangat (spirituelle Gemeinschaft) sein. Es ist also nicht möglich, einfach so von außen zu kommen und sich einen Slot zu reservieren. Der Begriff Sangat allerdings ist weit gefasst. Wir wünschen uns einfach, dass die Musiker die Sangat unterstützen und für die Sangat da sind. Das erste Mal kamen 20 Leute zusammen und das nächste Mal zählten wir schon 80 Zuhörer. Diese 80 Leute kamen kurzerhand in die Wohnung einer Privatperson! Heutzutage gibt es diese Veranstaltung in London, aber auch überall im Lande. Es kommen bis zu 500 Besucher. Sie kommen aus ganz Europa angereist. Die Energie ist absolut wahnsinnig! Manchmal wird es schon ein bisschen anstrengend das Ganze zu gestalten.

Amritpal – Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, dieses spezielle Kirtanprogramm auf die Beine zu stellen?
Ich spiele die Tabla von Kindesbeinen an. Mir missfiel, dass die Kirtanmusiker, die ich begleitete, immer nur zwei Stücke (zwei Shabds) konnten und das war’s. Damit sind sie dann durch die Gegend gereist und überall aufgetreten. Alles war so verstaubt und klein – klein. Ich wollte, dass die Musiker endlich dazulernten! Wir haben diese Veranstaltungen schon ungefähr 25 Mal durchgeführt. Viele der Musiker haben sich im Laufe der Zeit mindestens 10 bis 15 Shabds erarbeitet. Gurbani hat eine gewaltige Fülle an Shabds, es gibt so viel zu lesen, zu lernen und zu verstehen. Wenn man sich nur 2 Shabds einprägt, dann versäumt man eine ganze Menge Wissen, Freude am Wort und an der Musik.

Jagdeep Kaur – Ihr hattet die Idee ein Album zu produzieren. Welche Rolle spielten Snatam Kaur und die Beatles dabei?
Nachdem wir das Kirtanprogramm gestartet hatten und wir vier oder fünfmal aufgetreten waren, da wollten die Leute gerne eine CD von uns mit nach Hause nehmen. Wir dachten darüber nach, fanden die Realisierung jedoch etwas schwierig. Wie macht man das? Wo können wir so ein Album produzieren? Amritpal reiste während dieser Zeit nach Indien, um dort für 2 Monate die Tabla mit seinem Lehrer zu studieren. Ich blieb in London. Snatam Kaur kam während dieser Zeit im Rahmen einer Tournee nach London. Sie wollte in der “Shepherds Bush Central Gurdwara” singen und ich freute mich schon darauf, sie live zu hören. Aber Snatam Kaur erkrankte an diesem Tag. Das Konzert sollte abgesagt werden. Einer der Organisatoren rief mich auf meiner Arbeitsstelle an und fragte, ob ich Snatam Kaur vertreten könnte! Er war der Meinung, dass die Zuhörer auf jeden Fall kommen würden. Außerdem hätte man schon Langar (freie Mahlzeit) gekocht. Dann fragte der Organisator, ob ich eher für zwei Stunden oder lieber für drei Stunden singen wollte. Ich sagte: “Nein!!! Auf keinen Fall solange.”

Jagdeep Kaur – Du hast dich überreden lassen für Snatam Kaur einzuspringen. Wie war es für dich, so einfach ins kalte Wasser zu springen?
Ich war doch gerade dabei mich zu entwickeln, ich hatte noch nicht so viel Erfahrung. Ich war es nicht gewohnt, die führende Kirtansängerin zu sein. Bis heute bin ich nervös und beginne zu zittern, wenn ich singen soll. Ich leide unter Lampenfieber! Ich fragte den Organisator also, wann genau ich fertig sein sollte. Er sagte: “Jetzt.” In einer Stunde würde ein Wagen kommen, um mich abzuholen. Ich sagte: “Okay!” Ich entschuldigte mich bei den Kollegen und stürmte davon. Ich raste nach Hause, wechselte die Kleidung, schon kam mein Fahrer, ich rief Amritpal in Indien an und fragte: “Soll ich das wirklich tun?” Er sagte: “Ja, klar – sei frei. Singe!!!” Nach dem Konzert kam eine der Organisatorinnen auf mich zu und sagte: “Wir müssen reden. Wie möchtest du weitermachen? Hast du schon mal eine Aufnahme gemacht? Möchtest ein Album aufnehmen?” Ich antwortete: “Ja, vielleicht möchte ich auch einmal ein Album aufnehmen. Mein Mann und ich haben darüber nachgedacht. Aber das kostet ziemlich viel Geld.” Sie sagte, dass sie für ein paar Monate nach Indien verreisen würde. Nach ihrer Rückkehr würde sie anrufen und dieses Album mit mir erörtern wollen. Ich nahm das nicht so ernst, weil Menschen oft etwas behaupten und es dann wieder vergessen.

Jagdeep Kaur – Ein Traum wurde wahr, ihr durftet euer Album im Beatlesstudio aufnehmen. Was für ein Gefühl ist das?
the-beatlesDie Dame rief einige Monate später tatsächlich wieder an. Es war im November. Wir verabredeten uns zum Abendessen. Wir hatten keine Idee darüber, was sie eigentlich mit uns vorhatte. Sie sagte: “Ich werde euer erstes Album finanzieren. Das ist mein Seva (selbstloses Dienen). Ich möchte dafür keine Gegenleistung.” Es war ihr Wunsch, dass wie unser Album in den berühmten Abbey Road Studios in London aufnehmen würden. Dieses Studio gehört zu den weltbesten Studios. Als wir dort unsere Aufnahmen machten, wurden ebenda gerade die Soundtracks von “James Bond Skyfall”, “Der Hobbit” und “The Avengers” produziert. Berühmtheiten gingen in den Studios ein und aus und liefen somit an uns vorüber. Wir nahmen unser Album im Studio 2 auf. In demselben Studio haben die Beatles vor über 40 Jahren ihre Aufnahmen gemacht! Es ist eine große Halle. Man könnte dort ein ganzes Orchester unterbringen. Das Piano dort ist noch immer dasselbe, das die Beatles einst benutzten! Die Beatles wollten immer nur diesen spezifischen Raum haben, wenn sie mal wieder ein paar Stücke aufnahmen. Das Album, das wir in diesem Studio aufnahmen, heißt “Tarang – The Divine Flow”

Jagdeep Kaur – Was ist die wichtigste Lehre für dich, die du aus dieser besonderen Lektion ziehen konntest?
Für mich persönlich war es ziemlich schwierig, zu akzeptieren, dass dort arbeiten durfte. Ich hinterfragte mich ständig. Ich dachte: “Was tue ich hier überhaupt. Ich bin gar nicht gut genug, um hier aufzunehmen.” Ich fühlte mich noch nicht einmal gut genug, um Kirtan zu praktizieren. Ich dachte immer, dass das alles so groß ist und ich zu klein bin. Ich denke das heute noch. Ich bin ziemlich emotional. Mich einfach nur vor eine Zuhörerschaft zu setzen und mit ihnen “Wahe Guru” zu singen, das scheint mir immer eine große Sache zu sein. Ich bin so unbedeutend und die unendliche Weisheit erlaubt mir, mich zu verbinden. Das ist eine Gabe und eine Segnung. Aber aufzunehmen? In diesen Studios? Das waren etwas zu große Schuhe für mich. Es war ein erstaunlicher Akt der Großzügigkeit dieser Sponsorin. Es ist kaum zu glauben, dass es so freigiebige Menschen gibt. Ich habe folgendes gelernt: Egal, wer du bist und wo du herkommst, manchmal bekommst du etwas geschenkt. Dann ist es wichtig, dass du dieses Geschenk einfach akzeptieren kannst. Die Beatles hatten ein Demotape, das sie an ganz viele Plattenlabel schickten. Sie hatten keinen Erfolg. Eines der Label riet den Vieren sogar, dass sie aufgeben sollten, es würde nichts aus ihnen werden. Dieses Label wäre heute steinreich, wenn man dort das Potential der Beatles erkannt hätte. “Zumindest glaubten die Beatles an sich selbst. Sie suchten sich das Studio 2 in den Abbey Road Studios ganz bewusst aus. Sie wollten genau diese Umgebung für ihre Aufnahmen haben. Doch wir können unser Potential nicht sehen. Wir sehen uns selbst oft nicht. Damit begrenzen wir uns. Würden wir unser Potential wahrnehmen, dann könnten wir unsere Talente leichter leben!”

Am 06. Oktober 2014 erschien das neueste Album “Jaag Re – Awaken” von Qi-Rattan.

Es enthält Kirtan und Mantras aus der Sikhtradition. Die Musik wirkt heilend und entstressend.
Foto Beatles: ©skeeze, pixabay

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